Full text: 1914-1916 (1914-1916)

v^lemens. Ich komme zu Dir. Ich suche. Sage mir nur das Eine: Glaubst 
Du, daß Kriege sein müssen? 
Gottfried. Glaubst Du, daß Christus am Kreuz sterben mußte? oder 
denkst Du, daß es auch anders hätte kommen können? 
Clemens, willst Du den Krieg so furchtbar verewigen? willst Du mit 
dieser Notwendigkeit das Rätsel des Krieges lösen? 
Gottfried. Die Lösung gibt der Mystiker, der Gott das Plicht-Andere 
nannte. Er hat damit uns bezeichnet als das ewig Andere, das einander 
Fremde, in seinem Dasein Zerfallene. Unser Fleisch ist Haß; darum muß die 
Liebe, in der wir eins sind, immer wieder am Kreuz sterben. 
Clemens, Nun aber geschieht doch das wunderbare: aus eben dem Haß, 
der heute die Menschen entzweit, loht um so gewaltiger die Liebe empor. Es 
ist, als sei Gott selber aus diesem Hasse, der ihn töten mußte, auferstanden: 
noch menschlich zwar, noch nicht ganz zu sich selbst verwandelt, noch nicht ganz 
verklärt und darum noch der sehnenden Berührung letzten Ergreifens sich ent 
ziehend, aber doch die auferstandene Liebe selbst. Ungeheures ist wahr geworden: 
des Menschen Bild ist vor uns gewachsen; schlicht und stark wie zum Fest, 
schreitet er zum Opfer. Kann er sich denn in Liebe dem Hasse opfern? 
Gottfried. Er muß sich opfern, weil das Leben nicht Raum hat für die 
Liebe, wo immer Liebe in unserm Leben erscheint, muß sie die Form des 
Opfers tragen. 
Clemens, wem aber gilt dies Opfer? Christus starb der Menschheit; 
sie sterben den Nationen. Und was sind die Nationen? Sind sie nicht selbst 
die großen (Quellen des Hasses? 
Gottfried. Sie sind Namen. 
Clemens. Namen? Und so wären all' die unerhörten Opfer, all' die 
Ströme kostbaren Blutes bloßen Namen gebracht? 
Gottfried. Der Name kann nichts fein und alles. Er ist ein anvertrautes 
Gut; er ist eine Forderung an den, der ihn trägt, ihn zu dem zu machen, was 
er fein kann. 
Clemens. Der Name Deutschland. — Und doch: ist es nicht Willkür, 
welchen Namen ich ehre? Sind die Nationen für den Einzelnen mehr als der 
bloße Zufall der Geburt, des Dorr oder Hier? 
Gottfried. Der Name Deutschland. Du fühlst es selbst, und ich höre, 
daß Du cs fühlst, daß er Dir heute mehr ist als bloßer Zufall der Geburt. 
Clemens. Aber ich verstehe mich selbst nicht. Ich durchschaue, wie ich es 
immer tat, das Vorläufige, das Zufällige der Nationen — und doch bin ich 
Deutscher, wie ich es nie zuvor gewesen bin. Ich erschrak, als Du die Nationen 
Namen nanntest. Deutschland — das ist mir unendlich mehr als ein Name. 
Als Namen kann ich es heute nicht mehr begreifen. Sage mir, was sind die 
Nationen in Wahrheit? was sind sie uns jetzt?
	        
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