Full text: 1914-1916 (1914-1916)

Gottfried. Sie sind von den großen Schemen, die heute Blut getrunken 
haben. Sie leben vom Blut der Opfer selbst. Sie waren uns Flamen; jetzt, 
von dem Augenblick an, da sie uns forderten, jetzt sind sie uns heißestes Leben. 
Clemens, warum aber mußten sie fordern? warum mußten sie dies 
Blut trinken? Sie fordern unser Blut und werden erst durch unser Blut zu 
Lebenden? wofür dieser schaurige Rreis? warum müssen sie leben, wenn sie 
unsere Idee der Menschheit, ihr eines reines Bild verzerren und zerstören? 
Gottfried. Der Abgrund zwischen unserer Statur und unserer Idee ist 
unsere Welt — unsere ganze, ungeheure, durch uns zu erfüllende Welt. Nur 
das Tun kann sie erfüllen. Von Bildern, Namen, Symbolen, von allen Ge 
stalten unseres Geistes, und wären es die schönsten und reichsten, wird unsere 
Welt nicht zur Welt. Nur Wirklichkeiten können sie erfüllen — und nur das 
Tun schafft Wirklichkeiten. Alle Schatten des Abgrundes lechzen nach unserem 
lebendigen Blut. 
Clemens. Und was sind diese Schatten? 
Gottfried. Sie sind die Gebilde des Geistes, die er auf seinem Wege zur 
Idee in den leeren Abgrund wirft. 
Clemens. Und die Nation? 
Gottfried. Auch die Nation liegt zwischen unserer Natur und unserer 
Idee: auch sie ein Bild unseres suchenden Geistes, auch sie ein Wille, ein Traum, 
ein Sehnen nach Wirklichkeit. Unsere Natur: das ist der Einzelne in seiner 
körperlich empirischen Isoliertheit; unsere Idee, das ist die Eine vollkommene 
Menschheit. Dazwischen liegen die Nationen: nicht mehr das einzelne, körper- 
lich isolierte Individuum — aber noch nicht die Menschheit. Noch nicht das 
Nicht-Andere und doch mehr als das Nur-Andere: ein in sich Eines, ein Ganzes 
in seiner Schönheit, die der Abglanz des Einen ist — und doch noch das Andere, 
das Fremde, das Organische, das noch mit dem Gesetz des Wachstums in sich 
selbst, das mit der Häßlichkeit der Feindschaft gegen das Andere gezeichnet ist. 
Clemens. Und seine Schönheit erfüllt sich im freien Opfer — und seine 
Häßlichkeit darin, daß es Opfer braucht. 
Gottfried. An beidem aber, an der Forderung der Nationen wie an der Er 
füllung durch das Liebesopfcr, an der Selbstverständlichkeit, mit der es gefordert 
und gebracht wird, erkennen wir unseren weg und unsere Stufe. Es ist die Stufe 
des Opfers. Als wir den Traum des Internationalismus träumten, da glaubten 
viele von uns die durch Jahrtausende blutiger Rriege bezeichnete Stufe der 
nationalen Feindschaft überwunden. Aber auch für uns gilt noch das uralte 
Wort Salomos: wie der Scheme im Wasser ist gegen das Angesicht, also ist 
eines Menschen Herz gegen den andern, wir sind noch das Andere. 
Clemens, wird das nicht von uns gelten, so lange wir Menschen sind? 
Du selbst hast unsere Welt bezeichnet als den Abgrund zwischen uns und 
unserer Idee, wäre der Abgrund überbrückt, so härten wir keine Welt mehr.
	        

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