Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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Gottfried. Unsere Welt ist ein weg. Der weg ist unendlich. Dennoch 
gehen wir ihn. 
Clemens, wer zeigt uns, daß wir den richtigen weg gehen? 
Gottfried. Die Idee selbst. Sie ist „Zeichen ihrer selbst und des Falschen". 
Von ihr aus verstehen wir unmittelbar, was wir sollen und was wir sind. 
Nur indem wir das Blutopfer der Nationen im Lichte der Idee, auf dem 
Wege zu ihr und doch in seiner unendlichen Ferne von ihr erkennen, lernen wir 
den Rrieg in seinem Leid und seiner Größe, in seiner Schuld und seiner Sühne 
verstehen. Und dies ist die Sehnsucht und die Pflicht des Geistes. Der Geist 
geht unserer Wirklichkeit voran und wirft die Schatten, die wir erfüllen sollen. 
Jede höhere Stufe, die uns heute nur mit der Ueberwindung des menschlichen 
Wesens selbst erreichbar scheint, ist dadurch, daß wir sie erblicken, begreifen 
können, im Leben des Geistes in jedem Augenblick erreicht. Für den Geist gibt 
es heute keine Stationen mehr: mit der Zeit der nationalen Götter ist diese 
Stufe überwunden. Dort wo auch der Geist nicht hingelangt, jenseits des Ab 
grundes in der reinen Idee, ist Gott. In ihm setzt der Geist sich seine Grenze 
und in ihm zugleich schaut er sich, wie er sein soll. Gott ist die Idee des 
Geistes selbst, wo Ein Gort ist, da ist Ein Geist. 
Der Geist zeichnet fliegend den weg, den die lebendige Liebe schwer durch 
Blut und Tränen wandelt. Darum ist das, was im Reich der empirischen 
Wirklichkeit ein noch notwendiges Geschehen, eine dunkle schmerzhafte Erfüllung 
des Wachstums- und Entwicklungsgesetzes ist, im Reich des Geistes Todsünde, 
wer hier nicht rein scheidet, wer durch die Leidenschaft, die das Geschehen 
auslöst, verblendet, im Reich des Geistes die Scheidewand des Hasses zwischen 
den Völkern auftürmen hilft, der ist ausgelöscht aus dem Buch der Lebendigen 
des Geistes. Denn er hat den Einen wahrhaftigen Gott, er hat die Idee des 
Geistes: das Nicht-Andere verraten um des Anderen, um nationaler Götter 
und Götzen willen. Er hat verworrenen Gebilden einen Teil seines Lebens dar 
gebracht, das er ganz und unverkürzt dem Einen schuldet, das über unserm 
Leben voll Schuld und weh, voll Haß und Entzweiung, in dem das Opfer 
noch heute die einzige blutige Versöhnung ist, als der ewige Friede selber 
leuchtet, dem alles Blut und alle Tränen dieser Zeit dargebracht werden. 
Margarete Susman
	        

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