Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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vor uns liegt, darf keine Knospe sich vorschnell hervorwagen. Auch jetzt trifft 
die alte Bauernregel zu, der Sommer werde um so fruchtbarer, je strenger 
der Winter war. wir müssen uns mit einem großen willen und mit heiliger 
Zuversicht erfüllen, aber wir müssen uns hüten, die Wirkungen zu suchen ehe 
die Ursachen erschöpft sind. Das Schwerste steht noch bevor; für Alle. Es 
genügt nicht, jetzt, wo die heroischen Eigenschaften der Deutschen wieder sieg 
haft hervorgetreten sind, befriedigt darauf hinzuweisen, daß sie immer noch 
da sind; es gilt vielmehr, die neu entflammte Idealität der Nation in etwas 
Dauerndes, stets Gegenwärtiges zu verwandeln, mit diesem Idealismus zu 
planen und zu bauen und ihn, nach jeder Richtung schöpferisch zu machen, wie 
er jetzt kriegerisch ist. Dieses aber ist eine Iahrhundertarbeit, der die Erfolge 
nicht morgen und übermorgen schon blühen können. Verdächtig ist darum der 
allzuschnelle Wille zum Erfolg, der voreilige Glücksgedanke. Es geht nicht 
um Glück, sondern um Arbeit. — 
Die kleinen grünen Knospen in Garten und Wald haben sich von gestern 
auf heut verwandelt. Sie haben wieder ein hartes braunes Winterkleid angetan, 
der Saft ist eilig zurückgetreten und das eben noch biegsame Geäst ward wieder 
trocken und hart, was die Farbe des keimenden Lebens hatte, steht wieder 
starr und wie tot da. „Doch innen im Marke lebt die schaffende Gewalt." 
Sie wird sich in einem neuen Frühling entfalten, wenn erst die Aequinoktien 
vorüber sein werden. Bis dahin aber sei uns die ^ot der Zeit willkommen; 
sie ist die beste Gewähr für die Reinheit und Gesundheit der die Zukunft 
beherrschenden Kraft. 
Karl Scheffler
	        
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