Full text: 1914-1916 (1914-1916)

schauen. Die weltlichen Klöster eines in der heutigen Welt erneuten deutschen 
Ordens wären wie der Mastbaum des Odysseus für solche Männer, die mitten 
in der Schiffahrt ihres Berufs vor den Sirenenstimmen des Augenblicks ihre 
Ohren mit wachs verstopfen, um des wirklichen Zieles nicht zu vergessen, 
wäre es zu viel gesagt, daß zu den Mitteln, die einem solchen Orden seine 
Unabhängigkeit, seine beschäftigte Stille und Abgezogenheit gewähren, die alten 
Regeln der Armut, des Gehorsams und der Reinheit gehören müssen? 
wir sagten es übrigens einander schon früher mit mancherlei Worten, daß 
nur ein Mythus, ein unerhörtes und einsames Lebensbeispiel, das neue Wesen 
einzuleiten und aufzurichten vermöchte. Mit so frommem und verlangendem 
Blick wir Goethe nachschauen und den andern Großen, die das deutsche Volk 
nach ihm noch hervorbrachte, so scheint es uns doch, als ob sie das ungeheuere 
Erlebnis der gegenwärtigen Zeit wohl vorahnen, aber es nicht vertreten. Die 
Spuren des neuen Mythus sind jetzt um uns, unfertig, dämmerhaft, in einem 
beispiellosen Zustand der Unruhe und der Erwartung. Dieser Krieg führt 
uns in die Hölle hinab und erhebt uns zugleich zu allen Sternen. Deutschland 
trägt gewiß einen neuen Menschen in seinem Schoß. Er wird vielleicht von 
einem Meister kommen und über diesen Meister hinausgehen, so wie Paulus 
einst von einem Meister kam und wieder auf ihn zuschritt in einem weiten Kreis, 
in dem alles beschlossen war: die Anknüpfung an das Gewesene und die Aus- 
streckung gegen das Künftige. wer will sagen, daß die Kraft eines Einzelnen 
nicht ausreiche, um zu erfüllen, was wir uns vorstellen von einem vollkommenen 
Deutschen, der auf so festen wurzeln hinausragt in das Menschliche und All 
gemeine? Gibt es nicht für dieses Höchste die Sprache der Musik? Und wenn 
die Sprache der Musik es nicht umfassen sollte, gibt es nicht die Sprache der 
Dichtung? Und wenn die Sprache der Dichtung es nicht erreichen sollte, gibt 
es nicht die Wege einer erhabenen Staatskunst? So wie das Christentum 
aus verachteten und über alles Elend der antiken Welt verstreuten Reimen 
hervorging und schließlich den Gewalten seine Befehle gab, so wird dieses 
neue Menschentum zugleich die Erfüllung und die Aufhebung eines alten Ideales 
sein. In ihm erwarten wir nichts Geringeres als einen Wendepunkt und Wirbel 
der Weltgeschichte. Vielleicht ist der Gedanke von der Verwaltung der Erde 
dieser Gedanke und gibt dem Zeitalter der Weltwirtschaft, in das wir statt 
mir Freudenfesten und Verbrüderungen mit blutigen Kämpfen jetzt eingetreten 
sind, seinen kosmischen Sinn. 
Man kann, ohne das Näherscheinende außer acht zu lassen, behaupten, 
der gegenwärtige Rrieg zwischen den europäischen Reichen gehe letzten Endes 
um die noch ungeraubten Reichtümer der Erde, um die Märkte Chinas und 
der Türkei. Vielleicht hat gerade derselbe Umstand, der in anderen Worten 
bedeutet, daß alle außereuropäischen Rassen dieser Erde jetzt unsere stummen 
und aufmerksamen Zuschauer sind. die geistige Ebene dieses Krieges, wie er sich 
in den Zeirungsblättern spiegelt, so sehr ins wilde und Kannibalische hinab 
gedrückt. Trotz den Missionen und trotz vereinzelter gelehrter Berührungen 
ging ja das Streben der weißen Völker noch niemals ganz und ernstlich um 
die Seele all der fernen, für gering geachteten Heiden; und nun zum erstenmal
	        
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