Full text: 1914-1916 (1914-1916)

kommen wir alle, Heuchler von gestern, ihnen nah in dieser beispiellosen 
Erniedrigung, die einer dämonischen Hohngrimasse wohl würdig ist. Nicht 
fröhliche, sorgenlose Menschen führen diesen Rrieg, sondern sorgenvolle, 
schaudernde; Siege wurden in ihm bisher nur in stummer Ergriffenheit gefeiert. 
In dem schrecklichen Weltbild um uns her vermag nur der Held, der gläubig 
dem Tod wie einem Glanz entgegenschreitet, sich aufrecht zu halten, wie kommt 
es, daß wir Deutschen diesen Rrieg, so weit wir um uns sehen, am meisten als 
tragisch erleiden, ja ihn durchaus als tragisch empfinden, während er die anderen 
Völker, so weit sie ihre Taten mit Worten begleiten, nur als eine Angelegen 
heit ihrer dunklen und niederen Instinkte beschäftigt? 
wahrhaftig, diese Zeit der Gefahren wird von keinem andern Volk so tief 
und so tragisch erlebt wie von dem deutschen. Darum ist sie wohl auch bei 
keinem anderen wie bei uns der Reimboden einer großen, tragischen Welt 
anschauung. Die erregende, reinigende und entladende Gewalt der wieder 
geborenen Tragödie vermöchte uns zu bewahren, daß die aufgeweckten starken 
Triebe nicht in dem hartnäckigen Streben nach Weltmacht und weltehre sich 
erschöpfen, wird die Zeit, die diesem Rriege folgt, das alte erbärmliche und 
wertlose Theater noch ertragen? Verlangt sie nicht nach der Tragödie? welcher 
Augenblick aber könnte ihr günstiger sein als dieser, der an die größten Tage 
griechischer Geschichte gemahnt und sie an Verwickelungen übertrifft! Nationen 
stehen einander wie Faustkämpfer gegenüber, ihre Blicke gegeneinander sind 
geschliffene Dolche. Antike Leiden brechen über uns herein: Versklavung der 
Rriegsgefangenen, Wegnahme des Eigentums, Ausstoßung der Fremdlinge und 
jenes ungeheure Verleumden durch das Megaphon der Zeitungen, das allein 
noch die Gemüter träger und gutwilliger Bevölkerungen in Bewegung zu seyen 
vermag. Tiefe, feierliche Angst und Ermannung des Volks, Taten vollkommener 
Aufopferung. Alles das in der größten Runstform, der Tragödie zu verklären: 
sollte nicht dieser Drang sich einstellen und das Unmögliche erreichen? 
Es wird wohl geschehen, daß in den Nationen, die das übelriechende Feuer 
grenzenloser Bosheit rings um uns angezündet haben, dieses Feuer allmählich 
seinen Stoff auffrißt, so wie ein Fieber im Rörper die Rrankheitsstoffe verzehrt. 
Gedenken wir der unerträglichen Atmosphäre des europäischen Hasses, der zu 
erst in den Balkankriegen sich entlud und nun auch die Hauptvölker, die letzten 
staatlichen Bollwerke der Gerechtigkeit überschwemmt, scheint es uns nicht, 
dieses Fieber erreiche allmählich den Höhepunkt der Rrisis und es müsse das 
Werk der Läuterung, das sich in ihm vollzieht, allmählich offenbar werden? I" 
der Seele der Deutschen bauen unsichtbare Hände an den Säulen des künftigen 
Geistesreiches. Es liegt nahe zu vermuten, daß in den andern Völkern ein 
ähnliches vorgeht, aber nirgends mit gleicher, bauender Stärke. Dieser Rrieg, 
der Ackerfelder mit den zermalmten Leibern der Menschen nährt, wird ein aufs 
tiefste erschüttertes Europa zurücklassen. Und so unendlich wir Getrennten heute 
von der Einheit des Gedankens, der Tat und der Sitte entfernt erscheinen, so 
nah sind wir ihr bereits durch die Gemeinsame des Leides und der Spannung. 
Alfons paquet 
lSZ
	        

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