Full text: 1914-1916 (1914-1916)

') Vergl. Anmerkung. 
brauchten die Unterordnung unter ein großes Ganzes, die Synthese, das Opfer, 
die Hingebung, das Aufgehen des Individuums in der Gemeinschaft. 
Ja, das brauchen wir; aber fürchtet euch nicht! Die Vernunft zersetzt 
nur das Sterbende, das dem Verfall geweiht ist; sie organisiert das Lebende, 
das wächst. Wachstum in den Beziehungen zwischen den Menschen, Wachstum 
der Verhältnisse gibt es nur durch die Vermittlung des in den Individuen 
wachsenden und fortschreitenden, mit Gefühl und Aktivität, mit Natur und 
Trieb, mit Liebe und Gemeinschaft unlöslich verbundenen Geistes. 
weil die Menschen Sehnsucht nach dem verbindenden Geiste, der verloren 
gegangen ist, nach dem Ersatz für die in ihren Formen gestorbenen alten 
Religionen haben, darum opfern sie sich in Myriaden von Hekatomben dem 
Staat, 
*) 
Als diese Religionen ihr Leben hatten, waren sie als Rrönung und Ver 
klärung über dem sinnvollen Zusammenleben von Völkern gewachsen. 
Sorge dir erst für ein sinnvolles Zusammenleben, du Menschheit; Völker 
der Erde, bauet erst euer Haus und sorget für den rechten Austausch all eurer 
Güter; laßt erst die Güte in eurem Herzen und die Einsicht in eurem Ropfe 
wachsen; übt erst die angeborene und ewig gleiche Religion der Liebe im 
Rleinen und der Gerechtigkeit im Großen, — dann wird es nicht fehlen, daß 
die besondere Form neuer Menschheitsreligion aus eurem Leben erwächst. Aus 
dem Leben muß sie wachsen; aus geschichtlichem wissen, Renntnissen von längst 
dahingegangenen Ekstasen der Völker und erlesenen Geister, aus Philologie und 
Verliebtheit in alte Formen der Mythologie kommt denen, die nicht verdauend 
mit überlegenem, vorwärts gerichtetem Leben die ernährende Erinnerung der 
Geschichte aufnehmen, nur Bildungskram, der bereit ist, jede Missetat und jeden 
Irrwahn mit weich verworrenen Reminiszenzen zu bemänteln. Daß wissenschaft 
liche Bildung, archäologische Poesie und alexandrinisch-täuschende Mimikry der 
Mystik vor Aberglauben, Roheit und Dummheit nicht schützt, — haben wir das 
noch nicht genug erlebt? 
Gustav Landauer
	        
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