Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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te Verbindung von Krieg und Kunst ist ein Irrtum. 
Krieg ist Geschehnis. Kunst aber ist in irgend einer Form 
auf Zuständliches gewiesen. Dies ist so wahr, daß das größte 
Kriegsgedicht, die Ilias, das langsame Werk einer über Ge 
schlechter ausgedehnten Rollektivpoesie wurde und die zuständlich 
breite Form des Epos erhielt. Krieg ist Bewegung. Kunst aber 
geht in irgend einer Art notwendig darauf aus, Leben, wie immer es sei, als 
etwas Landschaftliches zu betrachten. Krieg übertäubt in seiner letzten Steige 
rung jede Empfindung. Kunst besänftigt in ihrem psychologischsten Augenblick 
— und schließlich besteht sie nur aus psychologischen Augenblicken — selbst das 
ekstatische Rraftgefühl zu andächtiger Innigkeit; der dionysische Ausbruch zeugen 
der Gewalt wird Stilleben und gestaltet sich, gestaltet die Welt in unerklär 
licher Ueberhobenheit zu einem auf irgend eine weise besonnenen Bild. 
werden Krieg und Kunst in eine zu unmittelbare Verbindung gebracht, 
so werden sie polar. Sind sie in dieser Nähe polar, weshalb drängt man sie? 
Man verbindet sie aus einer gewissen moralischen Schwäche oder Empfind 
samkeit, die indes sehr menschlich ist. 
Man diente der Form. Sie diente wieder ihren Urhebern. Sie gedieh zu 
einer immer reineren Abstraktion. Alles was Substanz heißen konnte, blieb jen 
seits: Religion, Politik, Philosophie, Leben überhaupt und selbst sichtbare Natur. 
Die Kunst vergeistigte sich zu einer restlos zweckfreien formalen Spekulation. 
Da rührte der Krieg furchtbar die inhaltlichsten Fragen auf. Es war 
nur natürlich, daß in dieser Erschütterung jeder erschrocken seine persönlichen 
Ueberlieferungen maß und es versuchte, diese Ueberlieferungen an dem neuen 
Zustand des Lebens zu bewähren, den der Krieg brachte. Mit anderen Worten: 
auch der Künstler empfand nun die tiefe menschliche Verpflichtung zur Politik, 
die er, namentlich wenn er ein Deutscher war, bis dahin in neunhundertneun 
undneunzig Fällen von tausend selbstgefällig geleugnet hatte. Aber je rascher 
diese empfundene Verpflichtung zur Politik sich nun Ln dichtenden Bekenntnissen 
äußerte, desto größere Verwirrung richtete sie gleichmäßig in der Kunst und 
in der Politik an, und innerhalb wie außerhalb der Mauern wurde damit 
mehr gesündigt als gefördert. 
Die Künstler hatten bis zum Augenblick keine politische Tradition. Sie konnten 
also von dieser Seite aus nicht wissen, wie leicht Kunst und Krieg und Kunst und 
Politik polar werden, wenn man sie zu unmittelbar aneinander annähert. Die 
Künstler hatten jedoch künstlerische Ueberlieferungen. Von dieser Seite mußten 
sie nun wissen, daß das Verhältnis der Kunst zur Unmittelbarkeit des Erlebens 
ein Verhältnis der Spannung ist und daß Spannung Abstand bedeutet. Doch 
siehe: auch hier fehlte die Ueberlieferung — oder sie setzte aus. Das ist menschlich, 
wie sollte sie nicht vor der ungeheuren Gegenständlichkeit des Kriegs verschwin 
den und ihr Selbstbewußtsein verleugnen? Zuweilen mochte sie indes auch bloß 
deshalb verschwinden, weil sie nichts taugte — vorher wie nachher.
	        

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