Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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Der Krieg bezwang den Künstler. Der Künstler aber suchte sich dem Krieg 
gleichzustellen. Er suchte ihn zu bewältigen, indem er jähe Bekenntnisse sprach. 
Hie und da fiel ein gutes Wort. Aber rasch enthüllte der Krieg auch manchen 
Anzweifelbaren und manchen Unkünstler, die zuvor als Künstler gegolten hatten. 
Nicht oft bewährte sich ein Künstler durch die Beharrung eines auch gegen 
Schicksale gefeiten Forminstinkts. Viele, denen ein Ruf vorausging, versanken 
in primitiver Stofflichkeit, die nicht nur schwach geformt, sondern auch sachlich 
schlecht begriffen war. Kunst war dem Krieg nicht gewachsen. 
Allein: der Mangel lag — man muß gerecht sein — nicht immer in der 
Unsicherheit künstlerischer Eigenschaften; er lag in der sachlichen Unmöglichkeit 
des so begreiflichen wie verkehrten Versuchs, Krieg und Kunst recht unmittel- 
dar aufeinander zurückzuführen. Kunst ist Vegetation. Sie läßt sich nicht 
manövrieren wie der übersichtliche Mechanismus einer Armee, wer sie, sei die 
Absicht noch so unbefangen, jählings auf ein Gegenständliches hindrängt, der 
schwächt sie um so sicherer, je gewaltiger dies Gegenständliche ist. 
Die Kunst war eine Lhinoiserie geworden. Damit soll ihr nichts zuleide 
gesagt sein — im Gegenteil. Aber es ist sicher, daß eine Lhinoiserie sich nicht 
vom letzten Dag des Juli auf den ersten August der zerschmetternden Gegen 
ständlichkeit des Kriegs anpassen läßt. Es ist klar, daß ihre Mittel weder 
sofort den Krieg formulieren noch auch ohne weiteres einfach aufhören können. 
Schlachtgesänge und Kriegsbilder bereicherten den politischen Zustand nicht, 
noch flößten sie der Form im Ganzen neues Wesen ein. Im günstigen Fall 
schadeten sie weder der Politik noch der Kunst. Mit ihrem relativen Form- 
konservatismus suchten sie der Krise der Kunst im Krieg einstweilen das Gleich 
gewicht zu halten. Mehr konnte man im Grund nicht verlangen: denn es war 
schließlich so gut, als ob die Kunst getan hätte, was ihr im Krieg — gegenüber 
der maßlosen Gegenständlichkeit des Kriegs und gegenüber der selbstverständlichen 
Formalität der Kunst — am meisten ziemt: als hätte sie geschwiegen und sich 
in dieser unaussprechlich wirklichen Zeit mit Leben und Dod und allen konzen 
trierten Wirklichkeiten gesättigt, bis nach Jahren vielleicht die neue und große 
Verständigung der Form mit diesen eingelebten Wirklichkeiten möglich sein wird. 
Aber es hatte keinen Sinn und weder politische noch künstlerische würde, Kriegs- 
künstler sein zu wollen und in Wahrheit nur geschwätzig zu sein. 
Es hatte freilich auch keinen Sinn und keine würde, sondern war im äußersten 
Maß hilflos, wenn Künstler, die das erkannten, den Krieg nun als einen Anti 
christ der Kunst anklagten und ihr Leben gegen das Ereignis des Kriegs in 
einer gewissen Verzweiflung abzuschließen suchten, als gäbe es heute überhaupt 
einen giltigen Gedanken, der gegen den Krieg aufkommen könnte, und als 
wären sie die Pfleger dieses Gedankens. 
In der Dar ist der Widerspruch zwischen Krieg und Kunst ja auflösbar. 
Er ist aufzulösen, weil er — von dem jetzt Entscheidenden, vom Krieg au» 
gesehen — gleichgültig ist.
	        
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