Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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Albert N)eisgerber 
m den zehnten Mai fiel er mit siebenunddreißig Jahren auf der 
Erde des Landes, dem er sich als Künstler am meisten zu Dank 
verpflichtet fühlte, wer ihn im Feld gesehen hat, bekräftigt, 
daß er ein vollkommener Soldat gewesen sei. 
Die Briefe seiner Kameraden über die letzten Augenblicke seines 
Lebens zeigen ihn, den Leutnant weisgerbee mit dem eisernen 
Kreuz, als den furchtbar beispielgebenden Führer, der seiner Kompagnie mit ge 
schwungener Waffe — der Axt, die ihm Zufall, Not, Wut und Verwirrung einer 
unsäglichen Sekunde in die Hand spielten — voranstürmt. Ein Brustschuß verletzt 
ihn schwer. Er sucht Deckung. Ein Kopfschuß tätet ihn. So sah ein Mitkämpfender 
dies Ende. Ein anderer sah es anders. Aber alle sahen ihn vorn vor den übrigen. 
Alles ist für den, der ihn kannte, von eindringender Glaubhaftigkeit — 
alles Tapfere, wie immer es gewesen sei, und alles Furchtbare. 
wer ihn auch bloß hier zu Lande in der rauhen Uniform des Infanteristen 
sah, war von der Erscheinung überzeugt. 
wir wissen nichts von Verhängnis. Es ist wohl Redensart, zu sagen, 
jedem geschehe, was ihm gemäß ist. In metaphysisch erregten Augenblicken 
retten wir uns in solche Zielgläubigkeit, die das Schicksal von den Knieen der 
Götter nimmt — weil wir sonst, aus Mangel an jeder Religion, verzweifeln 
müßten. Aber solche demütige und hochmütige Zuversicht trägt uns nicht immer. 
Und dennoch: man bleibt versucht, zu glauben, dc;ß weisgerber als Soldat 
auf ein ursprüngliches Element seines Wesens zurückgeführt war — seines 
Wesens, das sich von bäuerlicher und bürgerlicher Kraft herleitete. So über 
zeugend sah er aus, als er Soldat war. So überzeugend hat er nach den 
Briefen der Kameraden geendet. 
Man kann sich denken, daß ihm von jener nicht mehr benennbaren Höhe, 
zu der ihn die kühne Wollust des Kampfs und des Soldatentods emporwarf, 
selbst die heiße Begeisterung des Künstlers, deren er in der Einsamkeit des 
Arbeitens fähig war wie nicht viele, lächerlich bedeutungslos erschien. Er schrieb 
einmal, er wolle es als das größte Glück seines Lebens betrachten, wenn er 
noch einmal malen dürfe. Als man ihm in die Ruhestellung ein Kästchen mit 
Wasserfarben schickte, fragte er ärgerlich, was man wohl glaube. Er gehörte 
nicht zu den einer leichten Anpassung fähigen Künstlersoldaten, die draußen 
zeichnen und malen können. So bedingungslos war er Soldat geworden. 
Man muß wohl fortfahren: so bedingungslos war er Künstler geblieben. 
Eins schloß das Andere aus. war er Soldat, so konnte er nicht Maler 
sein — weil er im höchsten Sinn Maler war. 
Dies ist die Erklärung: das Illustrative fehlte ihm. So viel er illustriert 
hat, so wesensfremd war ihm im Grund das Flüssige der Talente, die jeder 
Gelegenheit, auch der düstersten, eine mitlaufende Form zu entnehmen vermögen.
	        
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