Full text: 1914-1916 (1914-1916)

wenige haben ihn recht gekannt, so viele ihn liebten. Aber die einmal einen 
Blick in seine Seele taten, wissen, wie schwer, ja wie gottesfürchtig sie war und 
wie ganz sie sich auf Großes und Dauerndes gerichtet hielt, während der sicht 
bare Mensch die alltäglichen und banalen Ausgelassenheiten einer sich zu sehr 
fühlenden und doch der künstlerischen Verpflichtung zu selten tief bewußten 
Kunststadt mitmachte. 
An dem trüben und kühlen Morgen, an dem uns die Nachricht von seinem 
Tod vor den Kopf traf wie ein Hieb, gingen wir, des Wortes unfähig, in 
seinem Atelier umher. Der Himmel war wie im November. Im fahlen Licht 
standen schräg geschichtet und einzeln an wänden und Staffeleien die Arbeiten 
der letzten Zeit: lauter Entwürfe, die mit großer Gesinnung beschwert sind. 
Dinge von einer feierlichen, über Eklektisches hinauswachsenden Latinität der 
Malerei und der Form — der Form überhaupt, denn so sehr sie gemalt sind, so 
unzureichend werden ihnen gegenüber Begriffe wie Malerei, weil sie, mißt man 
ihren allzuleicht bloß technischen oder geschmäcklerischen Inhalt an dem willen 
dieser Bilder, auf irgend eine weise zu speziell und zu untergeordnet erscheinen. 
Latinität der Form — das Wort schiebt sich ein wie von ungefähr, aber 
es besagt wesentliches. 
Dem Toten war der einmal gewordene Krieg wie eine Herausforderung 
jener körperlichen Rasse, die bei ihm so trefflich geraten war, und mit Selbst 
verständlichkeit entäußerte er, der als Künstler in Paris das wichtigste 
erfahren hatte, sich nicht etwa bloß alles empfindsamen Hinschauens auf 
Französisches, sondern, da es um Unvermeidliches ging, auch aller sentimen 
talen Hemmungen und jeder unzeitgemäßen Friedfertigkeit des Gefühls. Der 
vergangene Sommer zerriß ihn: der Krieg sprengte den in Frankreich gewor 
denen Maler von dem deutschen Soldaten los und schleuderte den Künstler so 
weithin fort, daß nur der Soldat blieb. Diese Katastrophe schien dem Mann 
so natürlich, daß er nicht ein einziges Mal über sie klagte — vielleicht schon 
deshalb, weil der Künstler Formgefühl für Unvermeidliches besaß. 
An dem Künstler hat dies Erlebnis nichts geändert. Er war, was er war. 
Er blieb, wie ihn Entwicklung, wie ihn zumal Paris gestaltet hatte. 
Für ihn wie für uns war es nie ein Zweifel, daß die französische Malerei 
sein tiefstes künstlerisches Gewissen geweckt und schließlich seine täglichen Maß 
stäbe gegeben hat. Weisgerber ist ohne sein Verhältnis zu der Malerei, die 
sich etwa zwischen Manet und Lezanne vollzog, überhaupt nicht zu denken, was 
er der Stuckschule dankte, war das örtlich Herkömmliche. Man würde einigermaßen 
lästern, wollte man diesem Örtlichen den erhabenen Namen einer nationalen 
deutschen Kunst gönnen, wäre eine nationale Kunst von ausschließlichem Rang 
in den letzten Jahrzehnten überhaupt bei uns gewesen, so hätte vor allen anderen 
weisgerber sich von ihr halten lassen. Denn sein Herz schlug heimatwärts. 
Aber sie war nicht bei uns, und darum mußte er die Ziele suchen, wo sie von 
der Gunst der Zeiten und der Umstände höher gesteckt waren.
	        
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