Full text: 1914-1916 (1914-1916)

Er wurde aber nicht ein manierierter Nachahmer. Er war so mit eigenen 
Gaben gesättigt, daß er trotz Frankreich über sich und sein deutsches Naturell 
nicht hinauskommen konnte und nicht hinauszukommen brauchte. Seine Bilder 
bleiben sein Eigentum und damit das Eigentum seiner Nation. 
Vielleicht, daß der weinfrohe Rheinpfälzer vor vielen der Rechte war, 
zwischen französischer Form und deutschem Instinkt eine Brücke zu schlagen. 
wir sprechen von französischer Malerei. Allein seltsam: was hat sie im 
Grund mit dem Frankreich des Augenblicks zu tun? Merkwürdig, aber dringend 
ist das Gefühl, daß auch diese Malerei nun Geschichte ist. Sie gehört einem 
Vergangenen Frankreich an. Nicht erst der Krieg hat den Abschnitt gemacht. 
Schon in den letzten Jahren hatte diese Malerei den kostbaren Altersglanz 
der Klassik. Darum berührt der Krieg sie kaum. 
Auch das Atelier unseres Toten steht nun wie ein Torso aus der Ver 
gangenheit. Dies alles ist abgeschlossen. 
was würde er getan haben, wenn er zurückgekommen wäre? 
So sehr Soldat und Künstler geschieden waren, so sicher waren sie schließ 
lich Seiten der nämlichen Persönlichkeit. Man kann denken, daß er eines 
Tages wieder in dies Atelier getreten wäre, wie er es verließ, und daß er 
fortgemalt hätte, wie er zuletzt, noch einen Tag, bevor er ins Feld ging, begonnen 
hatte. Rann man es denken? Es wäre nicht minder möglich, daß auch der 
Künstler von nun ab geteilt gewesen wäre und daß er ganz Neues angefangen hätte. 
Nicht etwa, weil wir um jeden preis das Fremde liebten, wie gehässige 
Dummheit oft schmähte, ehrten wir — ehrte auch Weisgerber — französische 
Kunst, sondern weil wir von nationaler Kunst einen so hohen Begriff hatten, 
daß uns die zeitgenössischen Formen, die daheim unter diesem erhabenen Namen 
gingen, unmöglich genügen konnten. So dachte Weisgerber, den keiner des Mangels 
an Nationalität bezichtigen könnte, wenn er nun wiedergekehrt wäre und ein in 
jedem materiellen und geistigen Sinn festeres Deutschland gefunden hätte, wäre 
dann nicht der Augenblick glaubhaft gewesen, in dem seine Kunst ein Ideal 
der völligen Freiheit und des unbedingten Arbeiten- aus eigenstem Reichtum 
gesucht und erfüllt haben würde? Er verachtete von Herzen die malenden und 
kritisierenden Nutznießer der nationalen Konjunktur, die nicht ahnen, was Kunst ist. 
Seine letzten Briefe bezeugen es. Aber seineHoffnung war die zwangloseVollendung 
einer Form, die der unwillkürliche Ausdruck eines reichen deutschen Daseins wäre, 
wir wissen kaum, was war. Viel weniger wissen wir, was geworden wäre. 
Aber wenn wir nur einigermaßen recht vermuten, dann siel dieser so 
kräftige wie geschmeidige Mann, dessen letztes Geheimnis — trotz aller Ent 
schlossenheit, trotz aller Heiterkeit und trotz des Glücks, das ihn strahlend um 
gab — ein tief sentimentales Lebensgefühl war, nicht nur im Krieg, sondern 
dann fiel er auch auf dem Plan der deutschen Kunst. 
Bitterkeit erfüllt auf lange Zeit die Seele, wir harren der Zukunft. 
Immer bewahren wir sein Gedächtnis. 
Wilhelm Hausenstein
	        
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