Full text: 1914-1916 (1914-1916)

mmer steht vor jeder deutschen Seele noch jener Augenblick 
der Mobilmachung. Alle nur mehr deutsch, die Schranken 
der Stände, Klassen, Bekenntnisse zerbrochen, Weltan 
schauungen und Parteimeinungen verweht, Eigensucht er 
tränkt in dem einen großen gemeinsamen willen, alle Zwie 
tracht ausgesöhnt, alles Mißtrauen vergessen; ganz Deutsch 
land ein einziger Herzschlag! wollen wir uns aber jenes 
gewaltigen Augenblicks würdig zeigen und soll er uns nie 
mehr verloren gehen, dann müssen wir auch ernst machen damit: Reine Parteien 
mehr, nur noch deutsch! Dazu gehört ein Deutschtum, geräumig genug, daß 
jeder Deutsche darin Play hat, der mit seiner Rraft rein und treu der Nation 
dienen will. Deutsch darf an keine Grenzen mehr gebunden sein, weltweit muß 
es werden. Schon Hans Sachs hat „Kaiser" gereimt auf: „aller Welt gewal 
tigen Durchreiser"; und so ein Weltenkaiser ist der deutsche Geist immer gewesen. 
Daß er es bleiben kann, eben darum geht ja dieser Rrieg. Der Feind will uns 
wieder in das alte Deutschland zurücktreiben, wir aber wollen die Welt be 
haupten. Und wer uns da rät, den deutschen Geist abzusondern und einzuziehen, 
der, wie gut er es auch meine, hilft nur dem Feinde. 
wir erwarten alle von diesem Rrieg, daß er Deutschland stark machen soll, 
geistig, wirtschaftlich und politisch. Rraft setzt aber immer einen anderen vor 
aus, auf den sie angewendet werden soll, an dem sie sich erst zeigen kann. Ich 
kann nur stark sein, auf andere bezogen, an anderen gemessen. Ich bin erst 
stark, wenn andere da sind, Schwächere, wenn wir von Macht träumen, auf 
Macht hoffen, um Macht ringen, so wird damit schon ein Gegenstand gefordert, 
an dem wir eben erst zu Mächtigen werden können. So darf man sagen, muß 
man sagen, daß nationale Macht durch ihren bloßen Begriff schon Inter 
nationalität verlangt. Ließe sich eine Welt völlig eingeschlossener und ab 
geschlossener Staaten denken, so hätte keiner von ihnen Macht. Macht entsteht 
erst, indem ein Staat sich irgendwie geistig, wirtschaftlich oder politisch über 
einen anderen erstreckt. Von einer Macht des deutschen Geistes können wir erst 
sprechen, wenn er Gelegenheit hat, sich andere Völker untertan zu machen; und 
ebenso von unserer wirtschaftlichen, von unserer politischen Macht erst, wenn 
und je mehr andere Völker uns, gezwungen oder freiwillig, gehorchen. Nicht 
etwa bloß aus Humanität, nicht aus irgend einer Weltgesinnung, nicht aus 
Menschenliebe, sondern schon aus Selbstsucht, Eigennutz, ja Notdurft müssen 
wir darauf bestehen, von den andern Völkern nicht abgesperrt zu sein, sondern 
in sie zu dringen. Dieser Rrieg ist entstanden durch die Feindschaft der anderen. 
Er wird für uns erst zu Ende fein mit dieser Feindschaft, wir haben noch 
nicht gesiegt, wenn wir die Feinde besiegen, wir werden erst gesiegt haben, 
wenn ihre Feindschaft besiegt ist. Das wäre der höchste Sinn dieses Krieges, 
unsere Feinde zu zwingen, daß sie zu Freunden werden, würden wir, wenn 
auch mit siegreichen Waffen, dennoch schließlich auf uns zurückgewiesen, so 
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