Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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Er hat allen Grund stramm national zu sein, denn auf der deutschen Rraft 
ruht sein Geschäft, je stärker Deutschland, desto reicher wird er, aber nur da 
durch, daß diese deutsche Rraft über die deutschen Grenzen geht: in irgend 
einer braven deutschen Stadt lebt er fortwährend über allen Meeren, er 
arbeitet deutsch, aber in Japan und Afrika, von seinem Lomptoir an der 
Elbe aus. Ueberfeyen wir das aus dem Geschäftlichen ins politische, so haben 
wir die neue geistige Form. Uebrigens haben wir sie ja längst: an jedem 
deutschen Ratholiken, der auch ganz unbewußt und ohne jede Schwierigkeit 
im deutschen Volk und doch über sein Volk hinauslebt, er gehört der deutschen 
Nation und zugleich der katholischen Welt an. Ich kann mich dafür auf einen 
klassischen Zeugen berufen: Bismarck. Richter hatte (in der Sitzung vom 
2J. April J$$7) den Papst einen Ausländer genannt. Das mag er als Protestant 
tun, antwortete Bismarck, aber „wenn ich Katholik wäre, glaube ich nicht, 
daß ich die Institution des Papsttums als eine ausländische betrachten würde, 
und von meinem paritätischen Standpunkt, den ich als Vertreter der Regierung 
innehalten muß, gebe ich das zu, daß das Papsttum eine nicht bloß aus 
ländische, eine nicht bloß weltallgemeine ist, sondern weil sic eine weltallgemeine 
ist, auch eine deutsche Institution für die deutschen Ratholiken ist. Also auch 
da fällt Herr Richter durch das theologische Examen." Und er kam zum Schlüsse 
seiner Rede noch einmal darauf zurück und wiederholte: „wenn der Herr Vor 
redner mir aufmerksam zugehört hätte, so würde er sehen, daß ich auch jetzt 
noch als Protestant den Papst nicht als Inländer bezeichne, daß aber für den 
Ratholiken die päpstliche Institution — der Papst kann ja im Auslande 
geboren sein, ebenso wie der Rönig von Rumänien, der auch ein Rumäne ist, 
obwohl er im Auslande geboren ist —, daß für den deutschen Ratholiken die 
Institution eine deutsche ist." Diese Worte, damals kaum verstanden, sind des 
halb so merkwürdig, weil sie fast unaussprechliche Tiefen und weiten des 
Nationalen zu berühren wagen. Das Nationale ist viel zu geheimnisvoll, um 
sich in irgend eine Vorschrift einengen zu lassen. Es entgeht jeder Definition 
wie das Leben selbst und wie das Leben ist cs ewig im Flusse, zerstört sich 
und erbaut sich wieder. Es schafft unablässig seine Formen um und unter 
dem alten Rainen muß es sich stets erneuen. XXuv wenn eine neue Epoche 
beginnt, bemerken wir das, aber im Stillen geschieht es jeden Augenblick. Jetzt 
beginnt eine neue Epoche, das Nationale verlangt eine neue Form: J$70 ist es 
reichsdeutsch geworden, jetzt wird es sich noch einmal ausstrecken müssen und 
noch größer werden: weltdeutsch. 
Hermann Bahr 
Herausgeber und verantwortlich für die Redaktion 
Otto Haas-Heye 
Berlin / pariser Platz 7 
Für unverlangte Einsendungen keine Gewähr. 
In Österreich für die Redaktion verantwortlich Hugo Heller, Wien, l, 
Bauernmarkt 3
	        

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