Full text: 1914-1916 (1914-1916)

s kann fein, daß ein geistiger Wanderer, an einem Tag 
von unentrinnbarem Drang nach Worms verschlagen, die 
erste Straße dort entsetzlich findet, unruhigen und zu im 
voraus begeisterten Blutes den Dom nicht recht zu fassen 
vermag, ihn dick und zu gebunden durch Häuser und ohne 
Distanz schließlich überhaupt empfindet, daß er mißmutig 
die Stadt verläßt und ungern an das Abenteuer dieses 
mit Extase angetretenen Tages zurückdenkt. Es kann sein, 
daß diesen Wanderer der folgende Tag nach Berlin verschlägt und daß er, 
der strahlend und gesund von Frankfurt aufbrach, grundlos, (weil wie der 
Bürger glaubt, dennoch keineswegs wechselnde Empfindung sich aus Empfind 
samkeit folgert), grundlos nachts in Berlin seelisch aufs letzte erschöpft ankommt. 
Sein Arbeitszimmer, das ihm ein Freund empfahl, ist ein riesiger Raum, in 
exotischster weise ausgenutzt und ausgestattet. Da hängen von afrikanischen 
Tieren wütende Hörner, Büffel, zärtliche Antilopen, dazwischen strecken sich 
Pfeile, Bogen, geflochtene Röcher, auch Speere. Die Blumenvascn sind breit- 
bauchige, sehr schmal zugespitzte Früchte. Und die Decken und Vorhänge sind 
gewebt aus Bast mit harten primitiven Farben. In der Luft hängt der Atem 
schrankenlosester Abenteuer. All das erregt ihn unendlich und verstimmt ihn 
und seine Nervosität steigert sich, als er das Schlafzimmer betritt und seine 
galante Herrichrung einsaugt, die sorgsame gleitende Boudoirregsamkeit der 
Pensionbesitzerin beobachtet, den Marmor sieht in den Wandeinlässen, den aus 
holenden Divan mit dem hohen Fell des weißen Wildschweins, das aufschwellende 
Bett und den Fries pompejanifcher Frauengestalten in leicht schwebenden Bildern, 
während einer schlaflosen halben Stunde aber in der Nacht erscheint ihm 
plötzlich, wie durch die Transparenz seines Mißbehagens und quälenden Denkens, 
die schwimmende Silhouette des Wormser Doms vor dem abendlichen Horizont, 
mit einer wahnsinnigen Gebärde von Rraft vor ihn hingeschleudert, mächtig, 
stolz und ungeheuer. Die Gewalt der Erscheinung wirft sich über ihn, ver 
gewaltigt sein Denken, er findet einen unbegreiflichen Rausch darin, in der Wucht 
des Bildes aufzugehen, sich zu finden und zu verkörpern — und er glaubt mit 
einem Mal, daß dieser ganze Tag in dieser Stadt, der ihn damals verstörte, 
ein großer Genuß und fabelhaftes Erlebnis gewesen sei. Langsam mit dem 
Verklingen der Erscheinung findet er sich erst wieder in sein Leben. Die nächsten 
Tage reißen ihn durch die Fieber grenzenlosester Diskussionen, seelischer Trans 
formationen, geistige Erregungszustände und Tumulte, physisch jagt er von 
Auto zu Auto. Dazwischen Pausen penetrantester Abenteuerlichkeit. Er sieht 
dazu in einer ruhigen Vormittagsstunde den Tiergarten, von fast realer roter 
Sonne überschwemmt, in der unsäglichen Mildheit märzlichen Schnees, erlebt 
die süße Dämmerung des Rurfürstendamms und erblickt von der Stadtbahn 
aus handschlagkurz über deb verklärten von innen herausstrahlenden Mittags- 
form der Frühlingsftadt in einem schmächtigen Silber das lange Glänzen eines 
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