Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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über dem Leipziger Play hängenden Zeppelinkreuzers. Der folgende Tag wirft 
ihn nach Leipzig in schwärmender Geschäftigkeit, der kommende nach Weimar. 
In der Eisenbahn dann überstreicht er mit einem nachdenklichen Blick den über 
mäßigen Anprall in so kurze Frist gespannter Erinnerungen, während sich 
unter seinem willen die Erlebnisse mählich zu ordnen beginnen und langsam 
anfangen wie beladene Äcker vor ihm herzuschwanken, wirft sich über all den 
Frieden wie ein Faustschlag riesige Masse, und stemmt sich gegen den Rnäuel 
zersplitternder Erlebnisse und Dinge die brutale Brust des Wormser Doms. 
Er fühlt wie das Bild ihn ergreift, in sich zieht und wie seine ganze Empfindungs 
möglichkeit sich über die verdrängten Reste der Erlebnisse der letzten Tage nach 
diesem aufgetauchten Phantom hin stürmisch und fieberhaft bewegt. Als der 
Wanderer aber auf der alten Mainbeücke in Frankfurt stand, mit noch nicht 
wieder völlig geglättetem Seelenspiegel, aber doch im Begriff dahin zu kommen, 
und dort lange stehend die Süßigkeit des Mövenabends genoß, wußte er kaum 
mehr etwas von diesem brutalen Ereignis, suchte nur wieder Gleichgewicht 
zu erhalten und genoß unbekümmert reine Gegenwart und ahnte dunkel allein, 
daß ihn vielleicht heute, vielleicht in einer Woche das wie ein Amokläufer er 
scheinende Bild des Wormser Domes wohl wieder aus Leben, Traum, Beginn 
und Rausch herauszerren werde. 
So, Freunde, ist uns der Rrieg mit den Monaten geworden, denen es 
bestimmt ist, im Lande zu sein. So ist uns der Rrieg ein fabelhaftes Erlebnis 
geworden, das irgendwo ungeheuer an den Grenzen des Reiches brennt, uns 
aber schwingt das gleichbleibende Leben wie jeden Organismus in seinen weiter 
laufenden Rhythmus hinein, wir werden zwischen Erleben und Lebenmüssen 
wie von rasenden Pferden auseinandergerissen. Raum haben wir uns dem 
anonymen Leben in Arbeit und Geist hingegeben, schnellt sich der schneidende 
Tubaton des Geschehens draußen grell gegen uns, wir strecken alle Nerven nach 
ihm, bäumen uns im wütendsten Erleben, dann verklingt er, wir bleiben restlos 
allein und beginnen von neuem den Rreuzgang des allgemeinen Tuns. Aber eh 
wir wieder Wurzel faßten, hebt uns ein rasendes Ereignis wieder über und 
aus uns selbst heraus. Dies alles liegt sehr entfernt von den furchtbaren Fragen 
dieses Rrieges und gerade soweit vom Enthusiastischen wie vom pazifistischen, 
es soll keine Meinung sein und bedeutet weder Schilderung noch Erledigung. 
Es weist über oder mehr noch unter allen Problemen auf einen Zustand und 
eine Erscheinung, die zwischen ihnen allen hinschwankt. Ja, so schwanken wir 
alle, zwiespältig und ohne Beendigung hin und hergerissen im Uferlosen, denen 
der Geist täglich geteilt ist. Es ist wahr, es mag ein geringer Schmerz sein 
und eine kleine Grausamkeit, zieht man das Unendliche jener vermiedenen Fragen 
heran zum Maßstab. Es mag ein geringer Schmerz sein, aber er reißt uns 
an allen Höllen — und sei es nur an ihren Peripherien — gnadenlos vorbei. 
Doch es heißt mutig zu sein und ein unerschütterliches Herz zu haben. 
Rafimir Edschmid
	        

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