Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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Saint-Saens und Ohnet nicht zusammen auf? Man stelle sich das doch vor: 
einem Kunsthistoriker, einem Mann von mindestens fünfzig Jahren, fliegt ein 
solcher Gedanke durch den Kopf und erscheint ihm so glänzend, daß er sich sofort 
an den Schreibtisch setzt und einen Artikel verfaßt. So trägt man sein Scherflein 
zum großen Kriege bei. 
* * 
» 
Nun lese ich noch gewisse deutsche Witzblätter, deren wiye die feindlichen 
Soldaten verhöhnen und den Spießbürgern schmeicheln, und bin geneigt, keinen 
Unterschied mehr zwischen der Presse hüben und drüben zu sehen. Und doch 
ist ein Unterschied da, wenn ich im großen und ganzen abwäge: 
Selbst wenn ich das Säbelrasseln von Blättern wie der „...Zeitung" mit 
verrechne und zu ungunsten der deutschen Spalte buche, kommt für die Franzosen 
ein Minus heraus — der seltsam gehetzte, unfreie, kleinliche Ton — die Schwäche. 
Jemand, der in Paris war, zeigte mir ein Bündel von Ansichtspostkarten, 
die er dort an allen Straßenecken zusammengekauft hatte. Fünfzig Karten: 
fünfzigmal die niedere und trostlose Phantasie der Latrine, des Exkrements 
und der schmierigen Sexualität — es ist wie der Biß des elendesten und ohn 
mächtigsten Tieres, der Hyäne. 
Ich hatte mich schon aufgeregt, als ich neulich an einem Berliner Zigarren 
geschäft eine Karte sah, auf der unsere sieben Feinde mit der Umschrift um 
geben waren: hier gibt's Tobak. Das ist wohl plump, aber es ist nicht unflätig. 
Bei uns verkauft Wertheim einen Gummistempel: „Gott strafe England." Das 
ist kindlich, aber es ist nicht gemein. 
* * 
» 
Als der Krieg ausbrach, traf ich in Straßburg eine elsäfsische Dame mit 
ihren Kindern. In ihr flammte noch einmal die alte Abneigung auf: „Arme 
Kinder," sagte sie, „man wird euch verbieten, euch mit mir gebildet zu unter 
halten,"und hysterisch befahl sie der Kleinen, ihren letzten Satz, den sie deutsch 
gesprochen hatte, auf französisch noch einmal zu wiederholen. 
Ich konnte nur die Achseln zucken, und unsre alte Freundschaft erkaltete 
in einer Minute, weil ich das, was sie Tragik genannt wissen wollte, nur als 
ein winziges Unglück in der Provinz empfinden konnte. Außerdem wird sie 
nach wie vor französisch reden können, nur würde ich an ihrer Stelle meinen 
Kindern den ewigen und so unerquicklichen Zwiespalt der Heimatlosigkeit er 
sparen und ihnen zwar französische Kultur in vollem Umfange vermitteln, 
aber die heimliche Koketterie und die Unaufrichtigkeit fortlassen. 
Am gleichen Abend ging ich mit einem Elsässer durch die Blauwolkengasse. 
Artillerie rückte aus den Vogesen ein, bestaubt, erhitzt, aber laubgeschmückt 
und von einer fröhlichen, etwas schweren und derben Kraft, die ihr voll 
kommenes Symbol in der grauen, soliden Felduniform gefunden hat.
	        
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