Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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fürchtenswertesten Spalt der neuen Zeit, den zwischen geistiger und ethischer 
Forderung, wem Menschen beginnende, wenn auch noch so winzige Symbole 
des köstlichen Geistes sind, ist unreligiös, wenn er unethisch ist. wie die 
Kunst zum Stoff, so steht der Geist zur Ethik, dem „Dasein der anderen". 
Es muß überwunden werden, nicht aber durch Auslassung sondern durch Ein- 
beziehung. Not soll zur Tugend werden. Denn wohl rechnen wir diese ewige, 
„ideelle" Realität mit, wie wir jene momentane und vergängliche ausschieden. 
Ist doch das ferne Abbild, vor dem wir knieen, nicht der reine, abgetrennte, 
eisige, sondern der menschliche Geist. 
In hartem Bohren verästelt sich der Bund durch das Volk. Kamorrha- 
gleich tauchen sie allein, zu zweien, in dieser Stadt, in jener Stadt auf. Ieder 
findet beim ersten Klopfen Hilfe nach Kräften in jeder VTot. weltfremd in ihren 
höchsten Zielen, aber ungemein weltnah im Durchsetzen wird die Bruderschaft sein, 
ein mächtiger Ritterorden, geistlich und kämpfend, wie in alter Zeit. Auf ihre 
Rechte süchtig, die Rache auf dem Fuß folgen lassend, den Vorteil der Lage 
erspähend, Philosophen im Großindustriellenrock. Geschlossen treten sie den 
Kultus- und Iustizministern, den Kunsthändlern und den Schulbehörden, den 
Konsistorialräten und Theaterdirektoren, den Parlamenten und Zeitungsverlegern 
gegenüber: wir diktieren euch unsere Forderungen — sonst Streik, Boykott. 
Sie werden die Aussperrung auf sich zu nehmen wissen. Sie können leiden für 
ihr Werk. Die Bruderschaft wirkt zuerst auf die, die ihr am nächsten stehen. 
Von ihnen pflanzt sich der Schall fort auf die Entfernteren. Hie und da wird 
aufgehorcht, die Richtung geändert. Arbeitend, unterwühlend, sich einkeilend 
schafft der Bund, eins bis auf den Hungertod. Die Gesellschaft, stets unter 
tänig, wo sie reale Macht spürt, beginnt schon vor den Verwaltern des Geistes 
den Hut, den sie vormals aufbehielt, ebenso tief zu ziehen, wie vor ihren Göttern 
des Geldschrankes und der 5A> jährigen Ahnenreihe. Die Bruderschaft erweitert 
sich zur Partei. Sie sendet einige Männer in die Parlamente. Es ist nicht 
wahr, daß nur der Geldsack einen Haufen Menschen zur Partei umschließen 
kann. Hinter den Klerikalen stehen Wähler, die auch durch ein Überweltliches 
verbunden sind. Iene primitiven Gefühle, können allerdings eine größere An 
hängerschaft nach sich ziehen. Aber auch für den organisierten Geist ist Gelände 
da. was nicht durch innere Macht einzunehmen geht, wird durch äußere über 
den Haufen geworfen. Schon hat sich der Bund als maßgebend für die 
Gesellschaft eingedrängt — etwa wie die prostituierten für die Frauenmode, 
was die Bruderschaft in Schutz nimmt, davor hat man Achtung, wogegen 
sie protestiert, das gerät in Mißkredit. Die Achtung der Gesellschaft muß vom 
Volk nachgebetet werden, was vom Volk auf den Schild gehoben wurde, 
muß der Staat einmal anerkennen. Aus der Macht im Volk, im Parlament 
wird Macht in den offiziellen Kreisen. Die wirkt wieder zurück auf die Gesell 
schaft. Die Wertungen der Geistigen werden angenommen. Ihre Lebensart 
wird immer mehr Vorbild. Sie sitzen bereits in wichtigen Ämtern und Kollegien
	        
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