Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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Denn der Staat kann sich auf die Dauer nicht vor seinen Angehörigen lächerlich 
machen. Ein Teil des Volkes hat sich um die Bruderschaft gruppiert, ein neuer 
Staat im Staat. Ruhelos wird an der Umwertung gearbeitet. Der Nur- 
geldmann und der Nurgeburtsadelige müssen die Hintertreppe hinaufgehen. 
Der Ritterorden des Geistes hat den Stand des Geldes auf den Notwendig- 
keitskurs, den unechter Vcrgangenheitswerte auf Null herabgedrückt. Immer 
mehr Volk tritt hinter den neuen Staat. Vom alten existieren nur noch einige 
Ralkulatoren in einem Büro mit Raiserbildnis, Waschtoilette und dem ein 
gerahmten Reglement „über das Recht der Unterbeamten auf angemessene Titu 
lierung". Auch sie genieren sich und laufen in einem unbeobachteten Augenblick über. 
Das Auge verfließt in weiten.... Eine jahrhundertalte Raste herrscht 
im Lande. Alle Rasten haben sich in ihr aufgelöst. Ist sie doch zugleich die 
Rlaffe des größten Reichtums, des wahren Adels und der Priester, deren Gott 
niemals gestürzt werden kann. Reine Grenze ist festgelegt zwischen ihnen und 
dem Volk; niemand vermag zu sagen, wo der Rrcis der Herrschenden beginnt. 
Denn das Volk hat sich längst der Bruderschaft des Geistes angegliedert, 
gleich ihr gestuft nach dem Gesetz der Erdenschwere und der Leichtigkeit des 
Geistesfluges. Die Menschen haben gelernt, wozu das lS. und 20. Jahrhundert 
noch zu ungereift und zu altklug war: Stufe zu sein. Nicht in die Natur 
haben sie sich eingeordnet, sondern in die Ummenschheit. Sie halten willig die 
Hand, zum Steigbügel geformt, dem Aufstiegswcrteren hin, jeglicher in feinem 
Umkreis. Jeder hat seine Aufgabe, deren Höhe ihm seine Natur bestimmt — 
unsagbar rein zeigen die Barometer ihrer Herzen an. So erkennen sie wie 
weit sie Steiger, wie weit Sprosse sind; erhöhen oder bescheiden sich. Reine 
Rraft geht verloren. Alles sammelt sich nach oben. Notwendig und wertvoll 
sind die kleinen Sparer des Geistes wie die Großkapitalisten. So werden durch 
den Druck der Ergebenheit die stofflichen und idealen Energien hoch gepreßt 
bis zu den Sprossen der Geistigen, die selbst nur tief demütige Diener der 
Sache und ihrer höher stehenden Vertreter sind, und von diesen wieder hinauf 
in den klaren Himmel. Jeder steht auf seiner Sprosse auf der Leiter, die 
aus Menschen nur gebildet, doch in die Ewigkeit ragt. 
Der Rricgszustand, ein Urzustand, hat alle Verhältnisse auf größere, gröbere 
Umrisse zurückgeführt — ähnlich den Riesenmalereien früherer Höhlenbewohner. 
Noch nie war so grauenhaft klar, daß der Geist keine Macht hat auf Erden. 
Noch nie wurde die Vereinsamung der Geistigen so zum Schreien tief empfunden, 
wie heute, wo alle Halbnahen mit fortschwammen. Die Erfüllung beider Be 
dürfnisse, die schon lange als bestehend deutlich gefühlt wurden, wird heute 
zum stärksten Verlangen über alle Hindernisse fort. In dieser Stunde schon 
muß das werben für die Bruderschaft des Geistes beginnen, die Einsamkeit 
als diplomatische Hilfe benutzend. Alfred Lemm
	        

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