Full text: 1914-1916 (1914-1916)

für Berlin hat die alte literarische Neigung der impressionistischen Generation 
für Paris abgelöst und wenn das Scherzwort: „Er kann nicht mitreden, er 
kommt aus der Provinz — aus Paris" auch ursprünglich ein Scherzwort ist: 
in seinem Rern steckt eine sehr gefühlte Wahrheit. Die Jungen, die mit offenen 
Augen in den letzten Jahren in Paris waren, hatten den Abstieg gesehen und 
erkannt: dev Rrieg jetzt bestätigt sie. Man hat ihn nicht mit Unrecht den 
„deutschen" Rrieg genannt; sein metaphysischer Sinn jenseits aller wirtschaft 
lichen Rümpfe, und der eigentliche Grund des unerhörten Hasses, mit dem er 
geführt wird, ist in der Tat der, daß es um den „deutschen Geist" geht, der 
in den letzten Jahren so stark gewachsen und gestiegen ist, daß die alten Völker, 
wie die jungen gemeinsam den Vernichtungskampf unternehmen. Das Sieges- 
dewußtsein der Deutschen wächst in seinem letzten Grunde auf dem Instinkt für 
ihr absolutes metaphysisches Recht, jenseits alles irdischen. 
Für diese zwiefache Bestätigung, die der Verlauf der Geschichte dem neuen 
Runstwollen gegeben hat, stattet dieses seinen Dank ab an dev Stelle, wo sich 
die praktische und die geistige Existenz des Menschen am engsten duechdringen: 
im Religiösen. Jeder Rrieg noch hat eine woge von Rirchlichkeit gebracht: 
die Not der Zeit drängt immer irgendwie nach Erleichterung. Daß die Welle 
neuer Religiosität, die seit den Augusttagen die deutschen Riechen füllt wie nie 
zuvor, mehr bedeutet als nur dieses; daß sie einer tieferen Wurzel entspringt 
als nur dem äußeren und inneren Druck: das beweisen die starken Triebe zum 
Ausdruck eines neuen religiös bestimmten Weltgefühls, die sich in der Runst der 
Jungen bereits lange vor Ausbruch des Rrieges regten. Allerorten regte sich 
die Einsicht, daß es nicht so sehe darauf ankam, Runst zu machen, was am 
Ende wirklich ein Luxus ist, sondern daß es galt, im Werk gewissermaßen unser 
Weltgefühl zu verwirklichen, zu schaffen, wir hatten den großen, religiösen Sinn 
des Mittelalters nicht mehr, der die Rirche zugleich als geistiges und als vor allem 
zu schmückendes und damit zu gestaltendes Zentrum in den Mittelpunkt des Lebens 
stellte: dafür empfanden wir sehr deutlich die Aufgabe, die neue werdende Re 
ligiosität auch mit den Mitteln der Runst bauen zu helfen. Unsere Rirche war 
noch nicht da, wir mußten sie im Suchen in uns erst erschaffen. Daran arbeiteten 
vor dem Rriege die Besten, wenn auch vielleicht nur instinktiv: gerade das 
aber beweist, daß die neue deutsche Frömmigkeit, die wir seitdem erleben, mehr 
ist als nur ein Zeitgebilde der Nor. An dieser Stelle gibt die Runst dem Rriege 
die Bestätigung zurück, die sie an anderer Stelle durch ihn empfängt, indem sie 
die allgemeine, in der gesamten Zeitentwicklung schon vorbereitete Richtigkeit 
und Notwendigkeit einer ihn stützenden und tragenden Gefühlswelle beweist, die 
ohne diese Stützung in die Rolle eines Accidenz, einer bloßen Begleiterscheinung 
zurücktreten müßte. Aus diesem Ineinander der wechselseitigen Bejahung aber 
wächst trotz allen Greueln und allem Blut vertiefter und vertiefter die Er 
kenntnis, daß zuletzt auch dieses alles in der Ökonomie des Absoluten einen 
großen, starken Sinn haben muß. Paul Fechter 
Herausgeber und verantwortlich für die Redaktion 
Otto Haas-Heye 
Berlin / pariser Play 7 
Für unverlangte Einsendungen keine Gewähr. 
In Österreich für die Redaktion verantwortlich Hugo Heller, Wien, I, 
Bauernmarkt 3
	        
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