Full text: 1914-1916 (1914-1916)

cit zehn Jahren beunruhigte eine prophetische Ratastrophen- 
literatur die Nerven der europäischen Völker. Die Fantasie 
inaktiver Offiziere und gerissener Romanschriftsteller malte 
die Schrecken, die wir heute erleben, mit annähernder 
Richtigkeit aus. Trotzdem finden sich jetzt, wo sich die poli 
tischen Gesichte Dostojewskis mit erstaunlicher Präzision 
verwirklichen, Diplomaten, die diese naturnotwcndige 
Ratastrophe als den Willkürakt einiger Deutschen hinstellen. 
So dunkel die Umstände sind, die den Einbruch des Rrieges begünstigten, 
so klar sind die entfernten, allein maßgebenden Ursachen. Der Dreibund war 
ein Friedensbund. Er benutzte nie seine militärische Uebermacht, ein anderes 
Land zu schädigen. Unter seiner Patronanz bereicherten sich Rußland, Frankreich 
und England in unerhörtester weise. Erst als aber drei von verschiedenen Haß 
motiven geleitete Staaten gegen den Dreibund einen Verband gründeten, der 
weit mächtiger, erdrückend übermächtiger zu sein schien, als der alte Dreibund, 
wurde Europa in die Rrisen gestürzt, die sich bis zu diesem Rriege steigerten. 
Der neue Verband wollte leben, aber er ließ nicht leben. Er benutzte den Schein 
seiner Uebermacht auf das Unverschämteste, Deutschland allmählich zu fesseln. 
Er machte aus jedem deutschen Expansionszug einen Rriegsgrund. Deutsch 
land wurde durch die Summe der unterdrückten Einzelerfolge immer mehr ge 
schädigt. So zeigte sich, daß diese beiden Rraftgruppen keinen Ausgleich finden 
können und daß der Friede in Europa nur möglich ist, wenn Deutschland sein 
militärisches Uebergewicht bewiesen hat. Endlich fügte es sich, daß ein Provo 
kationsagent des Dreiverbands, nämlich Serbien, zu früh losschoß, wie das bei 
jungen, nervösen Freiwilligen öfters vorkommt. Oesterreich und Deutschland 
konnten von ihrem Recht und ihrer Pflicht, diesen jungen Lausbuben zu züchtigen, 
nicht abstehen, ohne sich dadurch dauernd als unterlegen und ohnmächtig zu 
bekennen. So kam es zum Rriege, den der Dreiverband, wenn auch nicht schon 
jetzt, so doch überhaupt gewollt hatte, zu der Rraftprobe zwischen den euro 
päischen Rand- und den europäischen Rernmächten. Das alles ist sonnenklar, 
weil aber das, was dem Rriege unmittelbar vorausging, unentwirrbar ist, 
konnte es gelingen, Deutschland die Schuld am Rriege zuzuschieben, was später 
an militaristischen und antimilitaristischen Phrasen in die Welt gesetzt wurde, 
an dem übelriechendsten Geschwätz von der Befreiung der Völker, ist nichts als 
die grauenhafte Verlogenheit der europäischen Gesellschaft und ihr Bedürfnis, 
belogen zu werden. 
Deutschland hatte sofort die Welt gegen sich. Erstens weil der Anständige 
immer die Welt gegen sich hat, zweitens, weil die Welt ja wirklich nicht wissen 
konnte, was geschehen war, und der Schein gegen Deutschland sprach. 
wie zwischen den Juden und der ganzen Welt geht auch zwischen den 
Deutschen und der ganzen Welt ein unüberwindlicher Riß, und dieser Riß 
ist so tief und notwendig, daß, so wie die elendsten und schwächsten Juden
	        
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