Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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Lotengespräch 
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Freiherr von Knigge: Die Habsucht ist eine der unedelsten, schänd 
lichsten Leidenschaften. Man kann sich keine Niederträchtigkeit denken, deren 
ein Habsüchtiger nicht fähig wäre, wenn feine Begierde nach Reichtümern ins 
Spiel kommt. Das hat sich in meiner Zeit auf Individuen bezogen, heute 
könnte ich es noch besser auf Völker anwenden. Ich habe über den Umgang 
mit Menschen geschrieben, wenn ich jetzt lebte, würde ich über den Umgang 
mit Völkern schreiben müssen. 
Hugo (Arotius: Das dürfte unnötig sein, euer Gnaden. In meinem 
Buch äe jure belli sc pacis habe ich längst alles nötige festgelegt, ehe vom 
Umgang mit Menschen die Rede ging. Man liest es auch und ich kann mit 
Stolz vermerken, daß mein Name nicht allzu selten in den Zeitungen vorkommt, 
wissen, euer Gnaden, was das bedeutet in den Zeitungen! Ich wüßte es auch 
nicht, hätte mich nicht ein jüngst verstorbener Zeitungsschreiber darauf auf 
merksam gemacht und mir gesagt: Die Zeitungen sind das Gewissen der Welt. 
Freiherr von Rnigge: DieZeitungsschreiberhabensicheinRapellchen 
erbaut, das sie den Tempel des Ruhms nennen, worin sie den ganzen Tag 
Portraits anschlagen und abnehmen und ein Gehämmer machen, daß man sein 
eigenes Wort nicht hört. Das Portrait des Herrn Geheimbderats scheint jüngst 
auch darunter gewesen zu sein. Der Augenschein lehrt aber, daß man es bald 
wieder herunter genommen hat. 
Hugo Grotius: So oft die Völker Rrieg führen, das heißt die 
Formen revidieren, mit denen sie beflissen sind, untereinander zu verkehren, 
sprechen sie von mir und, was gleichbedeutend ist, von der Dame Justitia, der 
Gerechtigkeit. 
Freiherr von Knigge: wenn ich Sie recht verstehe, so meinen 
Sie, daß Gerechtigkeit im Verkehr der Staaten ungefähr dasselbe bedeutet, 
das ich beim Umgang der Menschen mit Höflichkeit bezeichnet habe. Aber Sie 
werden nicht leugnen können, daß man auf beiden Seiten höflich, aber nicht auf 
beiden Seiten gerecht sein kann, wenigstens in Bezug auf den Anfang des ent 
schieden schlagfertigen Verkehrs, den Sie unter dem Namen Rrieg im Auge haben. 
Hugo (Arotius: Rlar läßt sich die von vielen behandelte Frage 
beantworten, ob ein Rrieg in Beziehung auf die vornehmsten Urheber desselben, 
von beiden Seiten gerecht sein könne. Das Wort gerecht hat verschiedene Be 
deutungen, bald nach der Ursache, bald nach der Wirkung. Nach der Ursache 
in dem engeren Sinn von Recht oder in dem allgemeinen des überhaupt ange 
messenen. Jm engeren Sinn unterscheidet es sich wieder nach dem Werk und 
nach dem Handelnden. Denn von dem Handelnden sagt man mitunter, daß
	        
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