Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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ie waren schon zwei Tage in Brügge und noch immer 
donnerte der graue Riesenzug frischformiertcr Truppen 
unter unseren Fenstern am Sankt Annen-Ufer vorüber. 
Die Erscheinung der ersten Bataillone war noch wie cin 
leichter grauer Nebel, der die Konturen der Häuser dun 
kelte, unsere Gesichtsnerven reizte. Nach zwanzig, dreißig 
Minuten aber hatten wir die Empfindung: Hügel drückten, 
rückten mit der Wucht schroffer Felsblöcke um unsere 
Winzigkeit zusammen. Zogen den massiven Ring enger und enger und schnitten 
den Atem weg. wölkten Unsichtbarkeiten in die Augen und lähmten den 
Springpuls des Blutes. Es war, als würden unsere Körper gehoben, aus 
den Fenstern drohend in einen unsichtbaren Wirbel hineingezogen. Es verschlug 
nichts, daß ein Marschlied aus den Tausenden von Kehlen klang. Melodiennetze 
weit ausspannte, drin sich der wind, das Rieseln der Regenröhren, die dumpfen 
Glockcnintervalle von der Liebfrauen-, Salvator- und Jakobskirche hemmungslos 
verfingen, was tat's, daß die Nacht mit den feuchten schwarzen Bahrtüchern 
den Himmelsbogen über den Häusern auslöschte. Die Straße schien zu wan 
dern, wanderte wie das endlose Band eines Paternosterwerkes. Aber es war 
noch etwas. Es war ein Geruch da, den wir vorher nie empfunden hatten. 
Vielleicht nie im Leben geschmeckt hatten. Nie in den großen Fellspeichcrn 
Antwerpens, in den Gerbereien an der Schelde, in den riesenhaften Sälen der 
Schuhfabriken Maastrichts. Und doch war es der Geruch des Leders, der 
Stiefel, die mit heißer Kraft die kantigen Steine wie Nägel in das Bett der 
Straße schlugen. 
Und was kann einem nicht alles der Mond sein, wenn er über die zackigen 
Giebel reitet, die Vielfältigkeit der Architekturen vereinfacht, das spülende 
Geräusch eines langsamen uralten Wassers durch das Hinaushorchende der 
offenen Fenster schlägt: Hier aber hing er kalt und unfeierlich in einem gelben 
Gehügel von Wolken und runden Schornsteinen. 
Das rhythmische Geschmetter der Marschtritte tönte hinauf bis zu seiner 
unkriegerischen Welt und zwang ihn aus dem verwunschenen Dasein in seine 
harre Helle: Stern. 
Und als der Morgen aufging, war es keiner, der das Gold aus den 
Fenstern in funkelnden Blöcken hämmerte; keiner, der lange Schnüre von 
Opalen, Korallen durch den Blau-Grund der Kanäle zog; keiner, der geschäftlich 
durch die Milchwagen schellte; keiner, der der Amsel mir hellem Geschmetter 
durch die Kehle spritzte. 
Es war eine Kette von Frauenhaar vor den Fenstern gespannt, ein Rudel 
von Köpfen, die, kaum in die wieder sichtbar gewordene Erscheinung der Truppen 
gerückt, von bleuem überwältigt wurde. 
Ein Gedanke zerpflückte alle Gehirne: wessen Art ist der Meister, der 
dieses Gebilde erschaffen hatte, es wie ein Instrument meistert 7 wo noch auf
	        

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