Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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mit flämischen Giebeln, und in einer Ecke unser Gasthaus, das einzige, das in 
betracht kam, und in ihm wieder, im ersten Stock, das einzige große Zimmer mit 
weißen Holzdielen und drei Fenstern, die auf den Platz gingen. Deswegen 
glaube ich auch, daß Herr Feench oder Herr poincarL js beziehen, es bleibt 
ihnen nichts anderes übrig. 
wie Mister French aussieht, weiß ich nicht genau, aber daß der Bourgeois 
präsident nicht so gute Figur macht wie die schlanke Jeanne, wenn sie auf 
die weißen Dielen sprang und die gelben Vorhänge zurückzog, um die Sonne 
hereinzulassen, ist gewiß. 
wenn wie beim Frühstück saßen, war die Rühle des dunkeln Speisesaales 
wunderschLn, weil hinten im Hof blühende Bäume im goldnen Lichte standen. Vier- 
Frauen waren in der Wirtschaft tätig, vier Schwestern, und an der wand hing 
eine gedruckte Familientafcl, woraus zu sehen war, daß sie noch zwanzig Ge 
schwister hatten — ein Vater hatte sie mit drei Frauen gezeugt im Lande Rubens'. 
Aber am nächsten Morgen saß noch ein Gast an einem Seitentischchen. 
Er hatte eine kleine Mappe vor sich, und Bauer trat auf Bauer ein, um eines 
dieser Papiere einzulösen: es war Markttag, und der Fremde ein Makler. 
Vom Markt draußen, den wir schon in der Nacht geahnt hatten, weil 
Gerüste aufgeschlagen worden waren, will ich nur zweierlei berichten. 
Ein großes Schaufenster war ausgeräumt worden und darin stand ein 
Stuhl. Auf dem Stuhl nahm wiederum Bauer auf Bauer Play und wurde 
rasiert; ein Gehilfe schlug indessen den Schaum für den nächsten, waren die 
Bauern fertig, so gingen sie hinaus und stellten sich um ein paar, das zur 
Drehorgel eine Moritat im düsteren Balladenton fang. Jeder kaufte sich dann 
das Blatt und nahm es nach Haufe. 
Am Sonntag strömten die Turnvereine aus Flandern zusammen und gaben 
ein Fest; wir sahen ihnen vom Fenster aus zu, und wieder muß ich an Poincar6 
denken, denn es gibt ohne Zweifel eine Parade. 
wer hätte damals gedacht, daß Veurne Hauptstadt werden könne und 
daß es Rrieg gäbe? Aber wer von uns beiden hätte auch gedacht, daß ich ihn 
allein erleben würde? Jeanne ist tot und es bleibt nur die melancholische Er 
innerung, wie wir durch die kleinen Gassen gingen, deren verzauberte Stille 
nur am Samstag durch das Reinemachen unterbrochen wurde, und wie die 
ewigen Fangspiegel an den Spiegelfenstern uns so ärgerten, daß Jeanne ein 
mal die Zunge herausstreckte, in der Annahme, hinter den dichten Gardinen 
sitze eine Alte, die sie damit entsetzen könne. 
Oder wie wir in einer japanisch winzigen Likörstube, einer unbeschreiblich 
sauberen Puppenstube aus Delfter Racheln, unter lauter Figurinen den herr 
lichsten und stärksten Raffer zu trinken pflegten; oder wie wir gegen Abend 
vom Spaziergang zurückkehrten, und dann die Stadt mit ihren Türmen zu 
sammengedrängt in einer Landschaft von Grün lag, das so tief und üppig 
war, daß cs fast düster wirkte. Otto Flake
	        
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