Full text: 1914-1916 (1914-1916)

iTtas Gcheler nennt in einem Aufsatz den Rrieg ein meta 
physisches Erwachen. Wir selbst haben in vielen Augenblicken, 
da uns die sittliche Großmacht des deutschen Volkes, das wunder 
bare Gesicht eines Soldaten, das schlagende Herz der Städte mit 
tausend Begeisterungen überfiel, diesen Rrieg gegen Niedertracht 
und Politik gutgeheißen. 
Aber ist es Recht, daß wir den Rausch und die -Liebe, die in 
uns doppelt erwacht sind, auf ein Ding tun, das schlecht ist, höllisch, 
aus dem nichts Gutes kommt, dessen letztes Ziel die Macht ist, und 
nicht die Liebe? 
In seinem symbolischen Volk hat Gott die Wahrheit dieses 
Herbstes sichtbar gemacht. 
In den Ravalleriekampfen in Galizien ritt auf österreichischer 
Seite ein polnisch jüdischer Ulan eine Attacke mit. Als das Melee 
sich entwickelte, holte der Ulan mit einem Säbelhieb einen feind 
lichen Reiter vom Pferde. Eh dieser aber aus dem Sattel sank, 
griff er hintenüber in die Luft und rief schauerlich, langsam, in 
einem ungeheueren Entsetzen die ersten Worte von seinem und 
seines Feindes Glaubensbekenntnis: „Schema Jisroel“. 
Der österreichische Ulan wurde in demselben Rampf leicht 
verwundet. Als man ihn auf den Hilfsplatz brachte, war er wahn 
sinnig. Jetzt sitzt er stumm, mit verwahrlostem Bart, blind, doch 
mit dem blinden Blick des Ödipus in einem Prager Lazarett. 
Seine Seele hat erkannt, als der Bruder von seiner Hand 
stürzte. Er ist metaphysisch erwacht, und wacht so sehr, daß es 
für ihn niemals mehr den bequemen Schlaf des Lebens geben wird. 
Und ich sage, dieser Wahnsinnige, der arme polnische Jude ist 
ein vollendeterer Mensch als alle Rrieger, die sich an die Schrecken 
der Schlacht gewöhnen. Er ist das Idealbild einer spateren besseren 
Menschheit, die sich nicht mehr wird töten können, weil ihr Schlaf 
nicht mehr so tief sein wird. Der Rrieg wird nicht mit der 
durchgeführten Interessengemeinschaft aufhören, sondern mit dem 
leichteren Schlaf, dem heikleren Gewissen, und der Bereitschaft 
zum metaphysischen Erwachen. Mit der Gefahr, daß jeder Soldar
	        
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