Full text: 1914-1916 (1914-1916)

lismus ist seinem Wesen nach sentimental — und unmonumental. Werdas 
vor dem gemalten Naturalismus eines Liebermann nicht bemerkt, wird es 
aus dem gedichteten Naturalismus eines Hauptmann (Hannele, Weber) ohne 
weiteres herausfühlen. 
Als sentimental erwies sich die hinter uns liegende Kunstepoche auch in 
ihrer oft verspotteten Denkmalswut. 
Vom Boden des impressionistischen Naturalismus aus ist es also ganz 
verständlich, wenn die Übertragung des Begriffes „Organisation" auf die 
Kunst als unheimlich empfunden wird. „Impression" — in diesem Worte, 
wenn man es ernst genug auffaßt, steckt ja alles Erwähnte: das Intime, das 
Sentimentale, und vor allem das Unorganischei Der Liebhaber des Impressionis 
mus wird uns also fragen: woher nimmst du das Recht, Kunst und Organi 
sation in einen Topf zu werfen? Ihm erscheint die Kunst als das freie und 
flüssige Reagieren auf einen Reiz, als ein Einfängen köstlicher Eindrücke, als 
etwas Schweifendes und Zigeunerhaftes. 
Ich nehme das Recht aus der schönsten und kraftvollsten Zeit der deutschen 
Kunst, aus der Gotik! wieso ist die deutsche Gotik organisatorisch? Reine 
andere Runst ist so konsequent in ihrem Aufbau wie sie. Die kleinste Figur 
einer Fiale ist an der gotischen Kathedrale gestaltet in Rücksicht auf die Idee 
des ganzen Riesenwerkes, und noch der einzelnen Altarftgur, noch der zier 
lichen Brunnenstatuette stecken ein paar entschlossener Apen in den Gliedern, 
die eine geheime Verbindung schaffen zu den Häusern, zur Wölbung, zum Platze, 
zum Raume. Diese geheimen Apen machen jedes gotische Werk zur Form. 
An ihrer Festigkeit prallt jede Sentimentalität ab. Hier in der Gotik ist der 
Formungswille das prius, der Rhythmus ist von allem Anfang an mächtig. 
An den Schwingungen dieses Rhythmus' federt alles zurück, was nicht restlos 
in die Form aufzugehen bereit ist, vor allem die „Stimmung". So ist die 
Gotik der ausgesprochene Gegensatz zu jedem Impressionismus, zu aller Ein 
druckskunst! Sie ist nicht die Umsetzung einer äußeren Anregung in eine Form, 
die möglichst viel bewahren soll von der Stimmung der „impression", sondern 
sie ist die Setzung einer selbständigen Form, die möglichst rein sein soll von 
allem Assöziativen! während die naturalistisch-impressionistische Kunst stets 
Außenbeziehungen hat und zur Peripherie hinzieht, steht die Gotik klar und 
groß im Zentrum. Von ihrem willen erhält alles seinen wert, sie ist eine 
Kunst des Ausdrucks und — was nun nicht weiter befremdlich erscheinen 
kann — eine Runst geistiger Organisation! Denn was anderes ist geistige 
Organisation und Organisation überhaupt, als die Fähigkeit, von einem 
Zentrum, einem willen aus den Dingen ihren wert und ihren Play zu geben. 
wir haben also ganz gewiß das Recht, von deutscher Kunst als von 
einer Bewährung deutschen Organisationsgeistes zu sprechen, so unheimlich wie 
gesagt, dieser Gedanke auch erscheint, wenn man den Impressionismus für 
das Schicksal der deutschen Runst in Zeit und Ewigkeit annimmt. In unserre
	        
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