Full text: 1914-1916 (1914-1916)

Tagebuch des Kritikers 
Wilhelm Rlemm, Gloria! Rriegs- 
gedichteausdemFeld. Holzschnitte 
von w. Rlemm (Albert Langen, 
München). Daß der RriegSdienst Einem die 
Rraft läßt seiner gewiß zu bleiben, und daß die 
Bewußtheit so viel helle» Drang bewahrt, sich 
nochmals zu verdoppeln in die Macht des Werks, 
der Spiegelung, der litterarischen Tat, dies er 
scheint mir ein außergewöhnlicher Fall. Damit 
ist man bei Walter Rlemm. Im Gegensatz zu 
Liliencron, der die zeitliche Entfernung nötig 
hatte und zu Börner, der, als er zu sterben 
wähnte, mit der Einbildungskraft seine Sach 
lage noch umdeutete, wird Rlemm ganz und gar 
gleichzeitig mit dem Geschehen auch dessen Seher, 
ohne Fälschung, ohne Umordnung ins Rünst- 
liche, ohne poetischkeic. Er handelt, lebt, stirbt 
zweimal. Das Dichten bei ihm ist das Mittel, 
womit vor sich selber das Ich sich besser be- 
hauprer als sowohl vollständiger untergeht. 
Das Formale ist sehr stark. Der Stil, in dem 
dieser Rricg sich abspielt, findet hier endlich 
seine wahrhafte Umprägung ins Wort und in 
die gedruckte Wirkung, wobei auf alle die nahe 
liegenden Akzente des Grauens, der menschlichen 
Wehrlosigkeit, der auch seelischen Verwüstung 
verzichtet wird. Das Gegenteil: Verherrlichung, 
Soldatenlust, Forsche — auch derlei Eifer blieb 
außerhalb. Sondern ans Herz greifend ist wesent 
lich die technische Bändigung, das Belebtfein 
der Strophen mir Rürze, Deutlichkeit, gesättig 
tem Rönnen, Hat Rlemm für die Mannhaftig 
keit feines künstlerischen willens vor dem Feind 
das ihm gebührende eiserne Rreuz erhalten ? F. 
Emile Verharren, La Belgique 
sanglante (Nouvelle Revue Fran? 
5 ai s e). Für E. verharren mußte auch ein Buch 
gegen Deutschland zur Dichtung werden. Hier 
greifen wir sie, die ungemeine Sagcngröße, in 
solche Wut und Haß der Gegner uns erhebt. Die 
„Organisation", die deutsche „Rultur", der 
deutsche „Schulmann", die Runst von Berlin 
und München, der Raiser, die Legenden von 
den belgische» Greueln — alles erhält gesteigerten 
Zusammenhang und die Mittel des Spottes, 
der Verzerrung, des widcrlegens, mit denen der 
Gegner arbeitet, machen diese Einheit unseres 
Auftretens für uns erst ganz ersichtlich und um 
so ehrwürdiger. Nichts in diesem Buche ist 
zutreffend — aber Verhaeren, welcher elende 
Zeitungsnachrichten als feine Zeugen heranzieht, 
beseelt den Zeitungsbericht unwillkürlich und 
macht ihn zum geistigen Faktum. Das Faktum, 
durchädcrt von den Energien der Verhaeren- 
fchen Schreibweise, lebt; cs ist, für den Augen 
blick des Lesens, geschehen gewesen, bis in alle 
Ewigkeit ereignet es sich nun weiter. Die Wirk 
lichkeit kann dagegen nicht an. Denn sie ver 
starb ja mit dem Schlage, der sie gebar. Das 
Buch bleibt. Die große, irre geleitete Inbrunst 
des Dichters bleibt. Sein Herzschlag, sein von 
nichtgeschehenenAufregungen bcschleunigterHcrz- 
fchlag phantasiert und wird in anderen Herzen 
sein Echo haben. Dies ist die Macht des Geistigen. 
Das Geistige saugt seine Säfte so gut aus der 
Lüge wie aus dem Vertrauen. Es überwächst 
den Menschen. Es diktiert dem Dichter ver 
harren, den wir trotz dieses Buches zu verehren 
haben, folgendes ergreifende Vorwort: 
„Der Mann, welcher dieses Buch verfaßte, worin 
sich deutlich genug der Haß kündigt, war ehedem 
ein glühender Friedensfreund. Er bewunderte 
die Völker; einige, vor anderen, liebte er. Hier 
unter zählte Deutschland, 
war dieses Volk nicht arbeitsam, unternehmungs 
lustig, wagemutig, sonderbar und im Innern 
geordneter als andere Völker? Bot es denen, 
die als Besucher zu ihm kamen, nicht den Anblick 
einer in tiefer Rraft wurzelnden Sicherheit? 
Richteten sich seine Augen nicht glühender und 
entschlossener als die der anderen ins Zukünftige?
	        
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