Full text: 1914-1916 (1914-1916)

ZS7 
Da brach der Rrieg an. 
Und plötzlich erschien Deutschland wie ver 
wandelt. Seine Stärke war wild, maßlos, 
sündig. Sein ganzer Stolz ging dahin, eine 
wohlbedachte Gewaltherrschaft zu errichten. ES 
ward zur Geißel, gegen die man sich verteidigen 
muß, damit das hochsinnige Leben auf Erde» 
nicht untergehe. 
Für den Verfasser dieses Buchs war keine Ent 
täuschung größer und unvorhergesehener als 
diese. Sie traf ihn so sehr, daß er seines früheren 
Selbst ungewiß zu werden begann. 
Und weil heute in diesem Zustande des Hasses, 
der ihn umfängt, ihm feine Bewußtheit wie 
getrübt vorkommt, so widmet er die nachfolgen 
den Seiten, voll Erschütterung, dem Manne, 
der er vormals war." M. 
ArturHolitscher:InEngland,Ost 
preußen, Südöfterreich. (S. Fischer.) 
Die Technik, mit der dies Buch gemacht ist, 
kommt aus der Freilichtschule. Es handelt sich 
also darum, die Gegenstände in Licht zu rauchen, 
Bewegung im Fluge aufzufangen, Gesicht und 
Linie und Ding in die eindimensionale klare 
Fläche einer verwirrenden SchaufüUe zu bringen. 
Dieses Verfahren, das vom Auge dirigiert wird, 
beherrscht Holitscher heute wie wenige. Das 
Gewühl um die Nelsonsäule zu London am 
Tage wo der Rrieg eine beschlossene Sache ist, 
dieses Gedränge von Staub, Lärm, entfesselten 
Menschcngcsichtern malt er mir einer Bravour, 
die den entzücken muß, der in der treffenden 
Wiedergabe des Realen Aufgabe und Ziel des 
Rünstlers sieht. Die persönliche Denkweise 
Holitfchers drängt sich hie und da mit einem 
philophifchen Urteil herein, welches dem Stoff 
lichen eine Art Abrundung geben möchte, die 
dasselbe aber garnicht bedarf, weil die Gestaltung 
selber so kräftig arbeitet und das Thema durch 
sie vollständig bewältigt, oder besser: erledigt 
wird. In diesem „Erledigen" — auch eine Teich 
landschaft von SiSleyS Pinsel gemalt, ist hier 
mit „erledigt" — liegt, was das unendliche Aus 
sagen des Expressionismus von diesem auf um- 
risscite Anschaulichkeit gestellten Impressionis 
mus unterscheidet. M. 
Emil Ludwig: Die Fahrten der 
Emden und der Ayesha. (S.Fischer.) 
was v. Mücke, die Offiziere und die Matrosen 
Ferrit E. Ludwig erzählt haben, mag ohne den 
Schatten einer Unwahrheit wiedergegeben sein. 
Sie erzählten wenig genug; es sind wortkarge 
Seeleute; wie soll man da Irrtümliches auf 
schreiben? Trotzdem geschah'-. Es geschah, weil 
Herr E. Ludwig durchaus ein Thema persön 
licher Urteile, Einstellungen, Psychologismen aus 
dem so Schlicht-Gegebenen machen wollte. Nun 
wird alles schief, sentimental, romanhaft; und 
mehr als von seinen Helden wird man des Ver 
fassers gewahr, der ihr Gegenfüßler, d. i. ein 
Menschen-fchmarotzendcr Literat ist. F. 
Theodor Däubler: Der sternhelle 
^)eg.(Hellerauer-Verlag.)Ein halbes 
I«hr vor diesem Bande erschien das Gedicht 
buch „Hcfperien", wieder ein halbes Iahr vor 
her die Prosastücke „wir wolleit nicht verweilen". 
2llledrei im Rrieg herausgebrachten Bücher haben 
trotzdem nichts mit diesem gemein. Rein Hin 
weis erinnert daran. Auch ohne ihn wären sie 
erschienen. Und daß es das gibt, daß ein Rünstler 
nicht von der Zeit abgedrängt, von ihr ver 
krüppelt oder je nachdem „befruchtet"wird, diese 
Ienseirigkeit, dieses bedingungslose Schöpfer 
tum an Däubler zu sehen, ist, wie sehr! be 
glückend. 
wer er ist, müßte, denke ich, diese- jüngste Buch 
endlich für alle feststellen. Leichter als sonst 
machen es hier die Gegenstände, sich einzulesen. 
Die drei Sonette von den „Bäumen", die Ge- 
dichte„Herbst" oder „Herkunft" oder„Erklärung" 
sind zugänglich wie nur ähnliches vom alten 
Uhland oder Nikolaus Lenau. Schlägt also 
die Stunde, wo Däublcrs Name als ein Losungs 
wort, eine Richtung, ein Protest endlich den 
Offiziellen geläufig wird? Ach, nicht unpassender 
konnte er den Augenblick wählen. Denn wer 
bemerkt, will es heute bemerken, daß hier ein 
ebenso wichtiges vorgeht wie an den geographi 
schen,Schützengraben-gefülltenRändern Deutsch 
lands? Sie glauben ja bloß den patriotischen 
Reimeschmiedcn, sie glauben dem„Männer"stand- 
punkt, sie glauben denen, für die unweigerlich 
sich Vaterland und Feuilleton ergänzt. Selbige 
sind die Helden — jene anderen benehmen sich 
würdelos. Die Sieger werden freilich gerade 
diese würdelosen sein, weil der Rrieg in ihrem 
Dienste handelt, weil der Rrieg, nur mit anderen 
Mitteln, die europäische Sensibilität zu ihren 
Gunsten umpflügt, weil zwischen dem neu 
förmigen Schaffen und diesem Naturereignis 
die handgreiflichste kulturelle Verkettung besteht.
	        
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