Full text: 1914-1916 (1914-1916)

Mögen die Zeichen sich mehren! Mögen alle, 
die al» Verleger und Zeitungsherausgeber ihr 
Vertrauen und ihre Geldmittel für die Neue 
Runst daransetzten, durchhalten. Möge Däubler 
feinenGedichtbüchern tunlichst bald den geplanten 
theoretischen Handweiser nachsenden. Und mögen 
die, welche es angeht, sich endlich zu einer fest 
gefügten Macht zusammenschließen! F. 
Gottfried Venn: Die Eroberung. 
(Weiße Blätter, Heft Nr.9.) Dieun- 
gewöhnliche Diktion dieser sechs Prosaseiren 
zwingt nachdrücklichst auf sie hinzuweisen. ES 
ist eine Diktion, die nicht abgesondert und wie 
ein Ergebnis dasteht sondern noch im fertigen 
Sein ein Erzeugen, ein Sichentschütten, ein 
weiter wandelndes Tun vollzieht. Der Schrei 
bende erlöst sich nicht. Er strebt nicht, sich gegen 
über zu treten. Er zieht keinen Strich zwischen 
den gehabten Vorfall und die Abschilderung. 
Der Aktus umgreift ihn ganz. Der ganze Mensch 
stülpt sich hinaus ins Erlebbare, ins Aufzuzeich 
nende und man meiß nicht, ob dies einen Unter 
gang der Ichheit oder ihre Festigung herbeiführt. 
Aberviclleicht mußüderhaupt dem neuen Schrift 
steller gegenüber vom alten Umstande eines starren 
Ichs abgesehen werden. Die Seelenkunde hat 
das Ich» seit Taine und Ribot, bis nieder in die 
körperlich-vererbte Feststellbarkeit, aufgegeben. 
Schon versuchte z. B. Maeterlinck die neue Auf 
fassung in die Runst einzuführen; doch siegte 
über das neue Gefühl noch das bislang herr 
schende Formgesey: seine spiritualen Einakter 
sind letzte Spiegelungen des früheren, des scho 
lastischen Weltbilds. 
BennS„Eroberung"hatdasIchprodlem in seiner 
neuen Formulierung selbst zum Gegenstände, was 
hier aufgegriffen, zerlegt und für die Zukunft 
vorbildlich gemacht ist, das kann ein Blinder 
greifen. Darüber zu reden erlassen wir uns. 
Merkwürdiger, wie gesagt, ist die Diktion, diese 
aufzischende, verströmende, gurgelnde Diktion, 
die seit Heym in der Lyrik, feit Heinrich Mann in 
der Prosa ihre noch halb suchenden Schritte tut. 
Das Ich. das neu sich ansieht, muß auch not 
wendig neu sich aussagen. ES kann nicht mehr 
den alten Syllogismus, die alte Trope, den 
ganzen alten Gedankenapparat caufaler Reihen- 
bildung benutzen; dieses klassische, seiner Plasti 
zität gewisse Ich ist zerfallen wie ein nicht mehr 
besuchter Tempel. Herein witterte Welt aus Nord 
und Süd. Herein witterte Glut noch uncrkaltcter 
Erdtiefe. Das Ich „im Schauer- feiner Haut, im 
Sprunge seiner Glieder, im Trunk der Augen, 
in seines Obres Rausch: als der Blüten eine, 
das Ich, als der Tiere Beischlaf, unter einem 
Himmel, unter einer Nacht..." 
So blinzelt bei G. Benn das Wort wie aus einem 
Gewimmel von Schöpferlust; es erwächst! man 
mirlcbt den Zustand, aus dem es sich zum Tage 
hebt; der Zustand sättigt cs; es umklammert 
ihn wie Wurzelwerk von Schlingpflanzen den 
Teichschlamm. Diesen Zustand kann man rundum 
betrachten; er zuckt; er ist nicht still, er hat nicht 
nur eine Vorderseite. Er reißt die Betrachtung 
zu sich mitten hinein, treibt sie inwendig imRreise, 
nach oben und unten. Die Betrachtung wird eins 
mit dem Zustande; beide werden eins mit dem 
schöpferischen Ich des Dichters, und dieses, das 
für sich nicht existierende, vervielfältigt sich, ver 
vielfältigt uns in Welt, Gesicht, Zusammenheit 
des Entlegensten, was die Vorläufer der neuen 
Runst, Suso, Mechthild, Böhme nur im Um 
kreise des christliche» Dogmas verwirklichten, 
wird bei Benn, Schickele, Becheru. a. das ständige 
Prinzip des Schreibens: Sie vertropfen in alle 
Rreatur, Idee und erwünschte FremdniS ihr 
liebendes Blut. kl. 
Bemerkung der SchriftleLtung. 
Die nächste Kummer (die erste des neuen Jahrganges) wird das Zeit-Echo innerlich 
verändert zeiaen. Freunde und Gegner werden bald sehen: warum und wie. 
Für die Schriftleitung verantwortlich zeichnet von da an: 
Hans Siemfen, Lichterfelde, Sternstraße 25. 
Als Herausgeber nach wie vor Otto Haas-Hepe. 
Herausgeber und verantwortlich für die Redaktion 
Otto Haas-Heye 
Berlin / pariser Platz 7 
Für unverlangte Einsendungen keine Gewähr. 
In Österreich für die Redaktion verantwortlich Hugo Heller, Wien, l, 
Bauernmarkt 2
	        

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