Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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Wahrheit sagen, wie man sie weih. Pegug verlangte das nicht 
etwa von seinen Freunden und Helfern, sondern es ergab sich von 
selbst aus der vollkommenen Reinheit seines Wesens, der Unbe 
kümmertheit seines Herzens und der Armut, ja, der herrlichen Ar 
mut seiner Lebensführung. Er schrieb 1907: „Als Mitarbeiter der 
Hefte verlange ich für meine Werke und Aufsätze diese ganze geistige 
und zeitliche Freiheit, die ich allen unsern Mitarbeitern versichere. 
Aber als Herausgeber der Hefte will ich sie nicht in meine persön 
lichen Streitigkeiten hineinziehen, ni dans cet approfondissement 
de mon etre religieux auquel il est evident que je procede 
depuis plusieurs anndes avec une severite croissante.“ Die 
Eahiers verschlossen sich dem Ungläubigen nicht, wenn der Unglaube 
eine ehrliche leidenschaftliche Wahrheit war. Von der Armut aber 
noch einiges. 
Als ich vor etwa sieben Fahren Pegug in dem kahlen Fimmer 
der nie de la Sorbonne besuchte, trug ich eine alte Ausgabe der 
Fmitatio bei mir, die ich am^Quai Voltaire für sechs Sous erstanden 
hatte. Und der anwesende Francois Porche sprach aus, was Pegug 
dachte, als er sagte, dah allein die Armut auf Erden die wahre 
Rachfolge Ehristi sei, die Armut als eine Konzeption des Uni 
versums. Man muh dazu eine der schönsten und tiefsten Schriften 
Pegugs lesen: Eve. Da heiht es: „Eva war ein armes Weib, das 
viele Kinder begraben hatte und gezwungen war, Feuer zu machen, 
wenn es kalt wurde, und gezwungen war, die Lampe anzuzünden, 
um zu sehen": und dies war ihr Fall, ihre Strafe, und ist unser Fall 
und unsere Strafe, dah wir gezwungen sind, immer und ewig unsere 
Hauswirtschaft zu machen und sogar die Wirtschaft unserer Seele. 
„Et ee n’est point d’etre de criminels de marque, des criminels 
pour poetes romantiques, c’est d’etre des pecheurs et meme 
de petits pecheurs." — Die Armut hat ihren göttlichen Purpur- 
mantel verloren — würfelt man nicht um ihn? Sie ist heute nichts 
als eine soziale Ungerechtigkeit und ein wirtschaftliches Phänomen. 
Der Arme schämt sich ihrer, er verbirgt sie oder er rebelliert gegen 
sie. Die Armut heiligt nicht mehr, ja sie ist nicht einmal mehr 
poetisch. Der Reichtum hat sie falsch gemacht. 
Der Arme Pegug schenkte seiner geliebten Erde, was er 
hatte: sein Herz, seine Kunst. Run hat er ihr auch, ohne um 
Rechtens zu hadern, sein Leben gegeben, dem diese Feilen nur ein 
In memoriam sein sollen. Denn um Pegug ist die geistige Ge 
schichte Frankreichs in den letzten zwanzig Fahren zu schreiben. 
Zram Blei
	        

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