Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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Der wirkliche Krieg 
^wei Gesichter hat dieser Krieg; eines, das die auffassen, die taten 
los daheim ausharren müssen, ein Weites, das die sehen, die 
draußen an der Pheripherie irgendwie beteiligt sind. Zur beide 
ist nicht nur der Gesichtswinkel, unter dem die Ereignisse sich dar 
stellen, völlig verschieden: Der Wirklichkeitsgrad des Geschehens 
wird draußen ein absolut anderer, als daheim, das Verhältnis zu 
den geschichtlichen Akten, sobald man selbst aktiv-passiv daran be 
teiligt ist, vollkommen verschoben. Wer zuerst Zuschauer von 
drinnen her war und nachher Mitarbeiter draußen, steht auf einmal 
vor der Aufgabe, zwei fast gegensätzliche Bilder irgendwie }ur 
Deckung zu bringen. Das gleiche Problem dürfte einer späteren 
Geschichtsschreibung vorliegen. 
Die Menschen, die in den Zentren des Landes zurückgeblieben 
sind, befinden sich im Mittelpunkt auch des Geschehens. Sie stehen 
gewissermaßen auf dem Gipfel eines Berges: die Kampfstätten 
draußen liegen wie der Horizont gleich einem fernen Kreise um sie 
gebreitet. Die Aachrichten kommen fast gleichzeitig von allen Geilen. 
Sie überblicken die Veränderungen des Tages, sobald sie die neue 
Zeitung überflogen haben. Sie können vereinen und trennen, Be 
gehungen und Zusammenhänge sehen und so das Geschehen schon 
während seines Ablaufs in eine wenigstens vorbereitende geistige 
Atmosphäre versetzen. 
Die Menschen draußen haben diese Freiheit nicht. Sie sind nicht 
im Zentrum, sondern an der Peripherie; ja sie bilden, jeder für 
sich, einen (winzigen) Teil in diesem Aiesenring des Geschehens. Sie 
übersehen zunächst nur den kleinen Abschnitt, zu dem sie selbst 
gehören; Nachrichten sind später und rarer; die Mitteilung von 
Mensch zu Mensch übernimmt erneut einen Teil der Arbeit, die 
daheim die Zeitung leistet. Das Einzelne schiebt sich, weil es näher 
ist, vor das Ganze: man sieht den Kreis der Ereignisse nicht mehr 
vom Mittelpunkt aus, sondern von einem Pünktchen seiner Linie, 
sieht sozusagen an dieser Linie entlang — und empfindet das, was, 
bildlich gesprochen, um einen Halbkreis entfernt liegt, als fast außer 
halb der Welt, ohne jene geistige Erhöhung vollziehen zu können, 
die der unbeteiligte Betrachter daheim bereits vornehmen kann. 
Denn das ist das zweite: die Aealitätsgrade, in denen die
	        

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