Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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Also kann die Kritik nur behaupten: Das und das ist wertvoll, 
das und das ist schön. Feststellen, beweisen kann sie nichts. Zst auch 
nicht nötig. Denn der, der Verständnis hat, braucht keine Beweise. 
Und der, der Beweise braucht, hat kein Verständnis; kommt also 
für die Kunst nicht in Betracht, weder als Schöpfer noch als Freund. 
V 
Wann hätte es Zweck, über Kunst zu schreiben? Wenn man den 
Wert eines Kunstwerks dadurch vergrößern könnte. (Vergrößerung 
des Kaufwertes rechtfertigt nur den handelspolitifchen Leil der 
Kunstfchriftstellerei.) 
Ls nützt nichts, wenn andere Leute erfahren, daß ich das und 
das für ein Kunstwerk halte. Dadurch wird höchstens der Respekt 
vor dem Wert, nicht der Wert vermehrt. Mit diesem profelgten- 
macherischen Ziel begnügen sich die meisten Kritiker. Und viele mit 
noch weniger. 
Für mich gilt die Frage: Kann mau den Wert eines Kunst 
werks vergrößern? 
Wo liegt fein Wert? Zn den Empfindungen, die es erregt. 
Wie das geschieht? wodurch? warum? das wissen wir 
nicht. Also können wir auch nicht dazu helfen, daß es geschehe. 
Wie wir nicht dazu helfen können, daß jemand liebt oder daß jemand 
glaubt. Man kann die Bibel weitergeben — nicht den Glauben. Man 
kann den Katechismus lehren — nicht die Liebe. Man kann jeman 
dem sagen: ich habe dich lieb. Aber man kann nicht sagen: warum. 
Das Göttliche, das Menschliche im Kunstwerk bestimmt feinen 
Wert. Vor ihm verneigen wir uns und nur vor ihm. Was ist es? 
Wie erscheint es? Wir wissen es nicht. 
Denn nur das Unbegreifliche ist göttlich. Rur das Unerklärliche 
ist wunderbar. Es hilft uns nichts, um die Erkenntnis zu ringen. 
Die Gottheit segnet Kinder und Loren. Vor dem Gefühl verstummen 
die Erklärungen und Worte. 
VI 
Ls hat keinen Zweck, über Kunst zu schreiben. 
VII 
Wenn man nicht ein Dichter ist. 
Hans Siemfeu
	        
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