Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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Glossen und Kritiken 
Zranz Werfel, Die Lroe - 
rinnen des Luripides. (Kurt 
Wolff, Leipzig.) Sahrtausende altes 
Leid wird wieder erweckt, schreit feinen 
Schmerz herans, redet ihn in unserer 
Sprache. 
2m Grunde ist das ganze Drama eine 
laug ausgefponnene Zolter. Als sollte 
gezeigt werden: soviel läßt sich aus einem 
Niedergeworfenen, Vernichteten, Halb 
toten noch herausholen an Geschrei, 
Geheul und Gejammer. 2n „einer 
gleichsam ewigen Dämmerung" vor 
dem zerstörten Lroja die überlebenden 
Zrauen. Und nun sehen wir die Wehr 
losen beschimpft, verhöhnt, auseinauder- 
gezerrt in die Sklavenarbeit oder ins 
Bett der mörderischen Sieger, sehen 
das Kind Hektors, das unschuldige, 
um das die Hoffnung und die süßesten 
Laute der Liebe stammeln, erbarmungs 
los zerschmettert im Schilde des Vaters 
gebettet, und die ihn, ihr Letztes, 
dort hinlegen mußte, die 2ammer- 
vollfte, die alte Hekuba, geht von 
der brennenden Heimatstadt den Weg 
in die Sklaverei. 2st das erträglich? 
Besonders wenn so im Schmerz ge 
schwelgt wird, wie diese Zraueu es tun? 
Sie schütten ihn aus vor uns, wühlen 
darin, holen sich aus der Liefe der 
Erinnerung Süßes und Herrliches, an 
ihm die bittere Gegenwart sich noch 
mehr zu verbittern. Aber indem sie gegen 
die erbarmungslosen Zeinde und die 
ungerechten Götter ihren Haß und 
Zlnch anstürmen, schassen sie sich ihre 
eigene Welt. Aus nichts als ihrem 
eigenen Schmerz. 
Und gerade daraus kommt — über 
wältigend — die Erkenntnis, welch ein 
Reichtum noch in solchem Leiden steckt. 
Besser gefoltert werden und die Zolter 
erleben (und die Qual herausschreien) 
als dahiudämmern ohne Schmerz. Es 
ist herrlich, nackter Mensch zu fein 
in aller Erbärmlichkeit, Kleinlichkeit» 
Gehässigkeit, Ohnmacht. 
Hier ist das gleiche Gefühl wie beim 
geblendeten Gloster in König Lear» 
wenn er von den fliegentöteuden 
Göttern spricht. Der zertretene 
Mensch, der die Ungerechtigkeit seines 
Schicksals nicht anerkennt, wächst in 
demselben Augenblick über dies Schick 
sal hinaus, wird fein Richter und 
nimmt feine Kraft aus einer jenseitigen 
Welt, diese Kraft, mit der die alte 
Hekuba „ihr Leben an die Brust 
nimmt und zu Ende trägt". Das ist 
der einzige Weg zur Schicksalsiiber- 
wiuduug. Richt die stumpfe Ergeben 
heit, die es gerecht nennt, sondern die 
Kraft, die ihr Recht in sich selbst sucht 
und behauptet. Hier heißt ste noch 
Stolz und Lrotz. Darüber hinaus, stärker 
als beide, wächst nur die Liebe. 
Werfel, der uns diesen alten stolzen Hei 
den, den lebendigsten und wahrhaftig 
sten der griechischen Lragiker, wieder 
erweckt hat, hat eine schöne und tiefe 
Einleitung dazu geschrieben und, ihn 
aller Fremdheit und Rhetorik entklei 
dend, chm seine eigenen Worte gegeben, 
die hold oder furchtbar zu unserem 
Herzen sprechen und alle seine Quellen 
springen machen. Dafür danken wir 
ihm. Und dafür, daß er es in dieser 
Zeit getan hat, und uns so einen Spie 
gel gibt, die Unermeßlichkeit unseres 
heutigen Erlebens von uns losgelöst» 
einmal zu sehen. 
Wobei dann die Erkenntnis recht ein 
leuchtend wird, daß das Große unserer 
wie aller Zeiten doch nur im Erleben 
des einzelnen liegt, nicht in der Zahl
	        
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