Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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der marschierenden Massen, nicht in der 
Menge der verausgabten Milliarden. 
Z. Mark 
Arthur Schnitzler, Komödie 
der Worte (S. Zischer Ver 
lag). Schnitzler» meinem Herzen feit 
Auatol nahe und liebenswerter noch, 
weil er in dieser „großen" Wiudfahueu- 
zeit herzhaft sichselbstgetreuer Vernunft 
die Ehre gab, reicht drei Einakter von 
mehr technischer, als menschlicher Zulle. 
Allerlei Lehrsätze vom ehelichen Drei 
eck, das ein Viereck ist, von einem 
virtuosen Mathematiker der Ge 
schlechter analgsiert und abgewandelt. 
Häufig — für mein Gefühl — mit dem 
Bewußtsein, ein illustres Auditorium 
verblüffen zu dürfen. Schnitzler zeich 
nete zuvor Menschen, die manchmal 
allzu hauptberuflich Perleuwirker, 
Aphorismeuschlürfer, Spiegelfetischisten 
waren, aber auch daun noch, in diesem 
schlimmsten Zolle, Momente hatten, in 
denen sie sich unbeobachtet glaubten 
und ein Wort aus dem Geheimsten 
ihrer Brust holten. Er fabriziert nun, 
fast durchweg Zantome, die stch jede 
Äußerung vorher schön sauber zurecht 
legten und über stch Bescheid misten. 
Der Gesamttitel umkleidet das Ganze 
ironisch, und im Mittelstöck sagt ein 
fauch sonst sgmpathischer) Theater- 
direktor: „Weisheit auf der Bühne 
hält nur unnütz auf". Smmerhiu er 
lebte ich (bei der Lektüre) keine er 
schütternde Enthüllung seelischer 
Glitschrigkeit und unentrinnbarer 
Erosfluukerei, sondern die akkurat 
arrangierte Vorführung wirksamer 
Kulistenszeneu über „Das Thema". 
3m „Zwischenspiel" war es einmalig 
ergreifend. Ein Paradigma, nicht 
dran zu rütteln! Heuer verzettelt stch 
alles, 3ougleurkunststücke, für Aicht- 
köuuer immer noch sehr bewunderungs 
würdig, mischen sich drein, Zetzen der 
alten Schuitzlerscheu Schicksalstragödie 
vom Wechselspiel zwischen Sein und 
Schein, bisweilen Sehnsüchte wie nach 
Wedekiuds „Kammersänger" oder 
Knifflichkeiteu und unmotiviert aparte 
Bedürfnisse. Gar so weit liegt auch 
Vahrs „Konzert" nicht mehr. Ein 
Schriftsteller stellt fest: „Statt das Na 
türliche natürlich zu erleben, trüben ste 
es durch ihre gottverdammte Psgcho- 
logie". Rasch knicken die Marionetten 
zusammen und die Köpfe» die neunmal 
klugen, sitzen locker. Doch aus Ae- 
stguiertheit, die über alle Euttäuschung 
erhaben und in Schmerzen hellsichtig 
ward und den Schwindel stellte, noch 
ehe er endgültig znm Klappen kam» löst 
stch hie und da ein innig leuchtendes 
Weiseseiu, leis hinschwebend wie 
Leuchtkugeln an Sommerabeuden. . . . 
Zur eine Sekunde mit klarem, ruhigem 
Silberlicht segnend blühenden Busch 
oder ruhenden See. . . . Zusammeu- 
gewachseuseiu der Eheleute noch in 
Mißtrauen und Qual, fester und un 
abwendbarer als in Hingebung und 
Zärtlichkeit früher, oder facht auf 
dämmernde Erkenntnis von der Schuld 
eines Weibes, das mit dem Schwe 
benden nicht schweben kann, und von 
der Sünde, die durch „Anständigkeit" 
Ungehemmten aufgebürdet ist, oder die 
Rettung, die heut so ein Dialog ver 
heißt: 
„Guido: 3a, das Leben ist sehr ge 
heimnisvoll . . . 
Zelix: Das Leben — nein. Richt be 
sonders. Aber die Kunst." 
Das Beste endlich bleibt: wer die 
Welt so steht, kaun ste auch setzt nicht 
überwältigend ernst nehmen. Viel 
mehr, daß man hernach, wie jener 
Komödiant Konrad Herbot an stch
	        
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