Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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Glossen un 
2ulius Pflüger, Die Form- 
schönheit einfacher geo 
metrischer Gebilde. Bau- 
fleiue ru einer wissenschaftlichen 
Ästhetik. (2. B. Metzlersche 
Buchhandlung, Stuttgart.) 
Richt das Resultat macht diese kleine 
Schrift wichtig, sondern die Laisache» 
daß sie eine neue Methode wissen 
schaftlicher Ästhetik sucht. 
Unsere Ästhetik ist ein ungeheuerliches 
Durcheinander von Philosophie» Ge 
schichte» Kritik und Psgchologie, nur 
nicht das, was ste sein sollte, nämlich 
eine rein formale normative Wissen 
schaft. Die Methode für eine solche 
— noch nicht vorhandene — Wissen 
schaft zu finden, sucht der Verfasser, 
und nimmt die Mathematik als Grund 
lage für seinen Versuch. Das ist ein 
leuchtend. Beide Wissenschaften be 
fassen stch mit der Form der mensch 
lichen Anschauung in Raum und Zeit. 
Die Mathematik bestimmt ihre Ge 
setze, die Ästhetik den Wert der Au- 
schauuugsformeu für unser Gefühl. 
2emehr ste stch dabei von jeder Em 
pirie, von jedem Eingehen auf den 
2uhalt des künstlerischen Gebildes frei- 
hä'lt, desto reiner erfüllt ste ihre Auf 
gabe. Bisher war all nufere Ästhetik 
historisch, philosophisch, psgchologisch 
infiziert, oder hat sogar mit der Kritik 
stch vergangen» die überhaupt keine 
Wissenschaft, sondern eine ein 
Können ist» und von der Ästhetik höch 
stens einige formale Grundsätze brau 
chen kann. Die Folge davon ist, daß in 
der Ästhetik eine vollkommene Anar 
chie herrscht» und sogar in einer solch 
reinen Formkunst wie der Architektur, 
eigentlich jeder auf seinen Sustiukt an 
gewiesen ist» was daun ebensowohl zu 
höchster Schönheit wie zu den unge 
heuersten Scheußlichkeiten führen Kanu. 
Daher ist eine wissenschaftliche Ästhetik 
d Kritiken 
auch praktisch brennendstes Bedürfnis. 
Den ersten Ansatz ru einer solchen 
stellt Pflügers Schrift dar. Welcher 
Art fein Versuch ist, liest mau am 
besten bei ihm selbst nach. Wie immer 
mau stch daun zu ihm und ?a seinem 
Ergebnis stellen mag, wünschenswert 
ist jedenfalls» daß er Fortsetzet findet. 
2. Becard 
Hier scheint ein Anfang jener »einzig 
möglichen Kunstwissenschaft" vorzu- 
liegeu» von der ich im vorigen Heft 
orakelte, überraschend schnelle Er- 
fülluugl H. S. 
Der deutsche Student im Fel 
de. (Furche-Verlag, Lasset.) 
Walter Hegmanu, Kriegs 
gedichte und Feldpostbriefe. 
(Bei Georg Müller.) Mau 
fällt jetzt auf alles, was aus dem 
Felde ;u uns kommt. Und nun gar 
nufere lieben 2uugeo» was machen ste, 
wie ist ihnen ru Sinn? Mau schlägt das 
Buch auf: erste Enttäuschung. Es stad 
gar kerne Briefe. Kleine herausgeristeue 
Fetzen» ruweileu nur rwei Feilen. Ein 
wunderliches Gefühl, als ginge mau 
durch eine Porträtgalerie, wo nur 
Augen gemalt stud. Und wenn es noch 
Augen wäreul Lauter Nasenspitzeul 
Mau gerät in die unbehagliche Stim 
mung, die mau vor jeder Aphorismeu- 
jammluug hat: ein Kuchen aus lauter 
Gewürreu, durch den mau stch durch- 
ejseu soll. Also wollen wir die Heraus 
geber bitten, künftig lieber aus ihren 
vielen, vielen Briefen Gaures abzu- 
druckeu, damit wir wirkliche Menschen 
sehen, nicht abgetrennte Glieder? 
Ach lieber nicht. Denn nun kommt 
die rweite Enttäuschung: es stud lauter 
hochoffirielle Dankschreiben auf eine 
hochoffhielle theologisch-philosophische 
„Liebesgabe" unter Protektion des 
Kultusministers den Studenten hin 
ausgeschickt. Auf solch amtlich appro-
	        
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