Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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Herr Adrian. 
Aus dem Tagebuch eines Neutralen. 
24. 2uni 
^Ileiue Pension steht io der Reihe, die einen so heileren Eindruck macht. Alan 
könnte meinen» mau sei in einem Seebad der Normandie oder Belgiens; da 
schmiegt stch auch Haus au Haus» alle gleich leicht, sommerlich, aus Hol; und Glas 
erbaut und willig der Kurve folgend» die der Straße eine elegante und zierliche 
Perspektive verleiht. 
Rechts vom Hanseingang ist ein Lesezimmer, links der Speisesaal. Beide 
Räume stud von der Straße nur durch Spiegelscheiben getrennt, die bis zum Boden 
reichen. Der Speisesaal ist nicht groß, ein paar sorgfältig gedeckte Tische, leicht 
geschweifte Stuhle; die Decke ist mit einem Gittermuster aus gebrannter Terrakotta 
überspannen, wie in Rokokosäleu, ihre Zarben sind hellblau und Hellrosa. Diese 
überreiche Ornamentik ist doch leicht und kokett, und sie ist weit entfernt von 
der programmatischen Echtheit Berliner Speisehäuser; schmale lange Spiegel 
gliedern die Wände. 
Danach stieg ich wieder zum Wald hinauf. Plötzlich sah ich, daß der 
Weg von zwei Ameiseuheerfiraßeu überquert wurde. 2n zwei parallelen 
Säulen zogen hunderttausend Tiere über Land. 2ch suchte vorsichtig den Zuß 
aufzusetzen, aber es gelang mir wohl nicht, wie dem jungen Burschen im Alärcheu, 
ihnen aus dem Wege zu gehen und keine einzige zu töten. 
Gleich nachher setzte ich mich auf eine Bank und beobachtete, wie ein alter 
Herr, der den schönsten Weißkopf besaß» das Problem löste. Und siehe, er 
war mitleidiger als ich. Trotzdem der Weg von Doruengestrüpp und einem 
Stacheldraht eingezäunt war, besaun er sich keinen Augenblick und opferte seinen 
schwarzen Alpakarock und seine gelben Leinenhosen den Dornen. Die Ameisen 
wußten ihm keinen Dank» aber es genügte ihm, menschlich gewesen zu sein. 
Er setzte sich zu mir auf die Bank und ich machte ihm ein Kompliment 
über sein gutes Herz. Er antwortete mit einer außerordentlichen, höflichen 
Wurde, die mich frappierte. Ein alter französischer Herr hätte diese 
Haltung haben können; auch sein Bart hat im Schnitt etwas Französisches. 
2n seinen Händen hielt er einen Stock mit schmalem Elfeubeinabschluß, einen 
Stock ohne Krücke, den man auf dem Rücken zwischen den Händen trägt. Seine 
Krawatte war blühend weiß und sorgfältig geschlungen. 
25. 2uui 
Aach der Suppe trat der Wirt heran» legte die Hand auf den Stuhl 
des alten Herrn und sagte in seinem Schwäbisch: 
„Herr Adrian, ich mache einen Versuch mit Elsästerweiu. Wollen Sie 
ihn probieren?" 
2uterestiert antwortete der alte Herr: „2a natürlich." Er kostete, indem er 
stch den Wund ausspülte und sagte: „Es ist guter 191 l er Riesling."
	        
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