Full text: 1914-1916 (1914-1916)

7S 
. Aach Lisch trat der Berliner an unseren Lisch und bat Adrian um Ent» 
tzhstldigung. Adrian sagte: 
u „Weh haben Sie mir mit 2hrer Bemerkung über meine Landsleute getan, 
aber ich mache von dem Vorrecht meines Alters Gebrauch und verzeihe sie 2hueu." 
Damit reichte er ihm die Hand. 2ch verließ mit ihm das Haus, und wir 
plauderten noch eine Viertelstunde zusammen. 
28. 2uui 
Bei Lisch war Adrian sehr schweigsam und geistesabwesend; zuletzt rassle 
er sich auf und bat um Lutschuldigung. Wir gingen zusammen fort und ich 
erlaubte mir, ihm einen Spaziergang vorzuschlagen. Er war sehr erfreut und 
schlug seinerseits vor, auf dem kleinen Platz vor dem Sommertheater Kaffee zu 
trinken. 
Wir gingen längs des Bergbachs, auf den Steinplatten der Promenaden 
spielten die Sonnenlichter. Der Platz unter den Bäumen war noch ganz leer, 
die Kaffeetrinker und die Kapelle kamen erst später. 
„Was gibt es Heuer in Luxemburg?" fragte er, den schwarzen Lrauk 
schlurfend» der einen starken, echten Kaffeegeruch hatte» als säßen wir in einem 
österreichischen Bade. 
„Nichts, man schimpft wohl," antwortete ich. 
„2st es nicht seltsam, die ganze Welt schimpft auf stel" („Sie" waren 
die Deutschen.) 
„Aber," fuhr er fort, „mau schimpft zu viel, ste stnd tüchtig, und ich weiß 
nicht, was die Franzosen von sich sagen und schreiben wurden, wenn ste so viel 
Kriegserklärungen wie die Deutschen bekommen hätten und sich alle zusammen 
so vom Leib zu halten wüßten." 
Der alte Herr war heute außerordentlich gerecht, er hatte stcher auch 
schon anders gesprochen. Plötzlich sagte er: 
„Wißen Sie, warum ich ihnen nicht zürne, trotzdem ste mir oft genug auf 
die Nerven gegangen sind? Weil ich eine Deutsche geliebt habe." 
Das sagte er seltsam erregt, stolz und elegant, zugleich bekennend und 
diskret: nie war er französtscher als jetzt, wo er in seiner aufgerichteten Haltung 
zu verstehen gab» daß es erlaubt ist, von feiner Seele zu bekennen, weil es mensch 
lich ist und alle angeht. 
„Sie haben mich heute morgen überrascht, und 2hreu jungen Augen ist es 
gewiß nicht entgangen, daß ich weinte. 2ch will 2hueu erzählen warum. Als ich 
aus dem Hause trat, merkte ich bald, daß ich mich verfrüht hatte. 2ch war zuerst 
ärgerlich, daß ich uun meinen Kaffee nicht bekommen würde, aber wie ich an allen 
diesen Holzhäusern vorüber ging, deren Läden noch geschlosteu waren, war es plötz 
lich, als sei das alles nicht mehr wirklich, sondern ein Lraum — ein Lraum, der mit 
einem Schlage dreißig 2ahre auslöschte. Denn vor dreißig 2ahreu war ich einmal 
so zu derselben frühen Stunde durch eben einen solchen Badeort gegangen.
	        
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