Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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Ls war am Meer, und es war an einem Montag Morgen, denn ans allen 
den Straßen, die mitten in den Danen gebant waren, tauchten Männer auf, Ehe 
männer, die am Sonnabend aus der Stadt gekommen waren und nun den Wochen- 
anfang mit einer Stunde Bahnfahrt begannen. 3ch gehörte nicht ;u ihnen, ich 
war nur aufgeftaudeu» weil ich mich fo jung fühlte, aber ich wurde mir der großen 
Gemeinschaft wohl bewußt, die uns Männer verband, die alle auf der schlafenden 
Straße standen» während unsere Zraueu noch hinter den geschlosteueu Vorhängen 
ruhten; wie viel Umarmungen, Haus neben Haus, in einer Rächt. 
Wie ich unwillkürlich meinen Blick die Zrout, die so gehorsam jeder Win 
dung des Strandes folgte, entlang gleiten ließ, öffnete sich hier und da ein Vor 
hang, und junge Zraueu, ob es nun Gattinnen oder Geliebte waren, winkten Ab- 
fchied. Line von ihnen aber trat, in ein ganz leichtes und fließendes Gewand ge 
kleidet, auf deu Balkon uud beugte sich vor: das war meine Zrau, und sie suchte 
mich. Sehen Sie, dieses Bildchen erwachte heute Morgen wieder ;u einem armen 
Sekuudeulebeu und deswegen habe ich geweint." 
Lr nahm ein gelbes Päckchen Straßburger Zigaretten aus der Lasche, zog 
eine hervor uud rundete ste au, indem er seine wohlgeformteu, leicht mit Haaren 
bewachsenen Hände schützend vorhielt, so daß der Karneol seines Siegelringes ganz 
gelb in der Sonne wurde. 3ch scheute mich r« fragen, ob seine Zrau gestorben sei; 
vielleicht ahnte er es, denn diese Zrage war natürlich und lag nahe. Er sagte: 
„Sie ist schon viele Sahre tot. Sie hatte die tiefe Hiugabefähigkeit, die deu 
deutschen Zraueu eigentümlich ist, uud ste war Dame genug, um sich von dem ersten 
Lage an der Auffastung aurupasteu, die in unserem elsässtscheu Kreise von der Art 
herrschte, wie eine Zrau sich kleiden muß. Aber als ste tot war, waren mir diese 
Kreise, in denen ich doch aufgewachsen war, verleidet. 3ch hatte mit der Ration, 
der die angehörte, die ich liebte, meinen Zriedeu gemacht, uud als man mir nach 
elsässtscher Sitte keine Ruhe ließ uud mich wieder verheiraten wollte, ging ich nach 
Zreiburg» wo wir schon einmal gewohnt hatten. So war ich meiner Heimat nahe 
und doch unabhängig von ihr. 
Damit habe ich 3hueu mein Leben errählt; es war in der Kindheit, wie 
Kindheit ist, ein Lraum; in seinem ersten Bewußtsein dann schön und kurz. Was 
danach kam, ist Haltung, ein wenig Heiterkeit uud viel Einsamkeit. 3u meinen 
Lräumen bin ich immer in jenen beiden glücklichen Zeiten, aber wenn ich auf 
wache, weiß ich es nicht mehr, uud das ist gut." 
Allmählich hatte sich der Platz belebt, die Kellner stellten Lasten rurecht, die 
Kapelle stimmte ihre 2ufirumente, und hinter deu Lischeu hüpfte ein Eichhörnchen 
vorbei. Mau hätte es für gezähmt halten können, es hatte keine Scheu uud holte 
stch jedes Stück Zucker, wenn es nicht gar ;u nahe kommen mußte. 
Otto Zlake
	        
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