Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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Sie ist, was das Können angeht, wohl 
sicher die schlechteste unter den bisher 
bekannt gewordenen S Novellen Ld- 
schmids. Nirgends durchschaut man 
die vielbewunderte Technik so leicht 
wie hier. Der mordende Perser in 
der Pariser Spelunke» das kenternde 
Boot im Starnberger See, der beulige 
Kops im Dirnenhaus des genuesischen 
Hafenviertels (0, der erhängte Konfir 
mand im Park, der Brasilianer im 
D-uud Schueesturm hinter Kowuo. Durch 
solch eine Aufzählung vieler kleiner 
Bilder wird einem schnell und ange 
nehm das Bewußtsein des „rasenden 
Lebens'* vermittelt. Auf die Dauer 
aber (es kommt in jeder Geschichte!) 
wirkt es doch etwas komisch. Alan 
merkt die Technik: Der boxende Ehi- 
nese in Westfalen, der am Tripper 
leidende westfälische Geistliche im Blv- 
menboot unterm Zudji. Seltene Si 
tuationen in einfacher Gegend, ein 
fache Situationen in seltener Gegend. 
Nachfolger Gdschmids werden diesen 
Zweig der Literatur mit Hilfe von 
Baedeker und Konversationslexikonzu 
ungeahnter Blüte bringen. 
Dieses und mehreres durchschaut mau 
lächelnd und freut sich im übrigen, daß 
alle Schwächen gerade in dieser besten 
Geschichte am sichtbarsten werden. Sie 
werden nämlich deshalb sichtbar, weil 
hier endlich das Können nicht mehr 
ausreicht, weil es sich hier um Dinge 
handelt, bei denen „Können" und Tech 
nik nichts mehr helfen. Um Erkennt 
nis, Bange-fein, Liebe, Demut. Auch 
Per verbirgt sich die Erschütterung 
hinter der groß-pathetischen Geste. 
Aber mau durchschaut sie leicht und 
sieht den Nleuscheu, der sie macht, 
(wie hinter einem schlechten Akteur), 
den armen» leidenden» rührenden 
Nleuscheu. 
Was tut es, daß dieser Offizier vo» 
seiner Todesangst, die nichts anderes 
ist als Lebensfreude, die bange ge 
worden ist und nicht zu jubeln wagt, 
was tut es, daß er in gequälte» 
und nicht eben einfachen Worten vo« 
ihr spricht? Die Hauptsache ist» daß 
hier erlebt wird und daß das Er 
lebte lebendig wird. Ein unendlich 
wehes und süßes Gefühl von tiefster 
Subruust erlebt und von der gleiche« 
Subrnust wieder gerufen. Schmerz 
lich und beseligend. Erschütternd — 
ihn und uns. Was tut es, daß das 
alles nicht „gekonnt" ist» daß es 
krampfhaft erzählt wird und krampf 
haft endigt, was tut das? Da alles 
fo schön ist, so mehr als schön, so 
menschlich. H. S. 
Gustav Alegrink, Der Go 
lem. Kurt Wolf Verlag. 
Schon lauge wußte mau von diesem 
Nomau. Hier und da waren Bruch 
stücke zu lesen und es wurde mehr über 
ihn geredet als über manches fertige 
Buch. Seht ist er da, ein fertiges 
Buch. Aber mau mag nicht glauben» 
daß es „fertig" ist und erledigt wie 
andere Bücher» wenn sie gedruckt 
sind. Alan würde sich vielmehr gar 
nicht wundern, wenn es beim zweite« 
und dritten Lesen recht anders wäre» 
als beim ersten, recht verwandelt. Alan 
erwartet alles mögliche, nein, im Ge 
genteil, alles unmögliche für diese« 
außerordentliche Buch. 
Wie soll ich es nun kritisieren? Sch 
möchte ja gar nicht, daß es au irgend 
einer Stelle anders wäre, als es ist. 
3ch möchte nicht einmal, daß der (von 
keiner Schiller-Zigur au märchenhaf 
tem Edelmut übertroffeue) jüdische 
Studiker Eharousek wahrscheinlicher 
oder überhaupt nur anders wäre.
	        

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