Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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Genie. f. Die Grenze zwischen Dilettantismus und Genie ist kaum fest 
legbar; der Geniale ist allemal ein ins Heroische gesteigerter Dilettant. Aber 
Genie und Latent grenzen überhaupt nicht aneinander. 
2. 2. St. T. sagte: „Ls gibt kein Genie; es gibt nur Fleiß. Was ich will, 
Kanu ich auch." 2ch erwiderte: „2a, aber ich will nur, was ich Kanal" 
Gott. Zum Geiste Gott zu sagen, wäre Lästerung der Natur; zur Natur 
Gottja sagen, Lästerung des Geistes. Gesetzt nun, alle Antinomien ließen sich aus 
lösen» so wurde im Gesamtbereich des Denkens doch e i u Segensatzpaar bleiben, das 
nicht unter höhere Einheit zu bringen wäre: die Autithests von Seiendem und Seiu- 
folleudem» Eros und Logos, Natur und Geist. 2hre Einheit wäre das schlechthin 
Unbegreifliche. Neune« wir ste Gott» so entkleiden wir wenigstens den Satz „Gott 
ist das Unbegreifliche" seiner Gemeiuplätzigkeit und Verschwommenheit. Auch 
lohnt es sich wohl, edle Begriffe zu retten, abgetatzteu den alten Glau;, kompro 
mittierten ihre Wurde wiederzugeben. 
Hauptmauu (Gerhart). Dieser Dichter schrieb „Die Weber" und bezog 
daun, mit dem Einkomme« eines Großunternehmers, eine Villa der Lote d'Azur. 
Kurz vor dem Kriege sah mau Photos von ihm, wie er, in der Kleidung eines uach- 
lässtgeu Elegant, au den Vitrinen seiner archäologischen Sammlung lehnt. 2ch habe 
gar nichts gegen den Luxus laicht die Reichen sollen arm, sondern die Armen reich 
werden!); aber wer wie ein Kommerzienrat vegetiert, dem mußte es wenigstens 
verboten sein, früher „Die Weber" geschrieben zu haben. 
Hegel. Sein Fehler: Daß er den Logos aus dem Deuter ins Gedeutete 
verlegt und dem Ethos damit allen Raum raubt. „Was wirklich ist» ist vernünftig" 
heißt (wofern „wirklich" nicht zuvor insgeheim als Bezeichnung für das Vernünftige 
iutroduziert ward — was jenen Satz-Götzen als einen höchst tönernen enthüllen 
würde, nämlich als Tautologie): 2eder Versuch einer Nationalisierung des Empi 
rischen ist gegenstandslos; denn Ratio ist dem Empirischen schon immanent, wohnt 
ihm iuue. Vernunft in die Wirklichkeit . . . hieße Eulen nach Athen tragen; die 
Wirklichkeit ist nichts als die fleischliche Hülle des Welt-Geistes, der uudimen- 
sioualeu objektiven Vernunft — welche vom Subjekte, dieser verächtlichen Mikrobe, 
ans in die Wirklichkeit eiugeleiteu zu wollen, vermessen und lachhaft wäre. Das 
Hegelsche Axiom bedeutet demnach: Heiligung alles Vorhaudueu; Befreiung des 
geschichtlich Gewordenen von der Pflicht, sich als gesollt zu rechtfertigen; Aus 
schaltung von 2deologie» Ethos, Seist, Utopik; Ausschaltung überhaupt 
des Menschen, als des eingesetzten. Verschwörers gegen die 
Natur; Naturalismus; Apotheose der (nur durch automatische „Entwicklung" 
gemilderten) Beharrung; krasseste und konsequenteste Formel des Konservatismus»
	        

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