Full text: 1914-1916 (1914-1916)

Glossen und Kritiken 
AlfredWolfenfielu. «„Die l-l«. 
same Anomalie in meinem Dasein ließ 
meine Gefühle niemals dem Herren, ließ 
meine Leidenschaft stets dem Gedanken 
entspringen." E. A. Poe.) 
Der Begriff „Gedaukenlgrik" behielt 
lange etwas Verdächtiges von der pro- 
phglaktifchev Art nvd Weife, mit der 
er auf der Schule in feinen verquollen- 
fleu Exemplaren gegen uns angewandt 
wurde. Dort gab es nämlich in dev 
durch- und durch-gehechelten Beispie 
len weder Gedanken noch Lgrik. So 
ein paar Elitefällen nur Gedanken 
(aber seit 2ahr;ehuteu tote Gedanken). 
Später kam aus dem Erleben heraus 
der Begriff als ein ganz Neues, das 
Fleisch und Blut befaß. Da blühte die 
Erkenntnis, daß „Gedaukevlgrik" nicht 
immer bloß ertüftelte und erfchwitzte 
Bosselei ;u sein braucht» sondern in 
Her? und Hirn erlittene, im Gefühl wie 
in einem Fegefeuer reiugeglühte und in 
prasselnden Eruptionen aus der Seele 
gerissene Sensation leibhaftig wandeln 
lassen kaun. 
Nämlich immer manifestieren stch die 
zwei Grundtgpen in jeder Gruppe 
Dichtung: Gefühl und Gedanke, Her; 
und Hirn (oft gleichbedeutend mit dem» 
was Gervinns als mustkalifche und pla 
stische Gattungen der Dichtung un 
terschied), Burger und Klopstock» 
Schickele und Werfel. (Wir jagen 
heut vielleicht: Aeo-Melodiker und 
Aeo-Pathetiker.) Und schon indem 
ich die letzten beiden Namen hin 
schreibe, wird klar» wie nahe jetzt die 
;wei Wege einander laufen: das Her; 
fingt, was das Hirn erfüllt» und die 
Gedanken entladen in Blitzen der 2u- 
bruust die Spannung, die die ruckenden 
Gefühle rufammeuballteu. Das 2deal 
des Hermaphroditen (man deute das 
Wort jo wefeutlich-platonifch» wie es 
gemeint istl) nimmt Gestalt au. 2u 
Alfred Wolfeusteius Gedichtbuch „Die 
gottlofeu 2ahre" (bei 5. Fischer, Ber 
lin) scheint mir der Pfad Lgrik, der 
mehr durch die Stirn als durch die 
Brust steigt, am konsequentesten weiter- 
gebahnt. Zwei Sähe hat dieser Dich 
ter, die wie Bergmauuslampeu vor ihm 
her brennen: „Kein Schicksal soll mir 
meine Stirn entführen" und „2m Eise 
blanksten Denkens fingt des Mannes 
Melodie . Dem Kompromiß mit 
tändelnden Herrichtern glättet fich kein 
Entgegenkommen» noch weniger mit 
den Akrobaten restlos gekonnter Tech 
nik. (Hier liegt eine Fußangel.) 2u 
der Prosa wäre Einstein oder Frau; 
2ung eine ungefähre Parallele, in 
Rilke-Stücken wie „Der Ball", „Der 
Hund" entsprang vielleicht ein erster 
Nachbar dafür. Straff dreht ei« 
Nhgthmus, der fich jeden Augenblick i» 
der Gewalt hat, fein Seil, und der die
	        

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