Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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Auf dem Markt steht eine uralte kolouuadeuartige Haudelshalle. Unter 
den Bögen in den Höhlen sttzeu 3nden, deren Väter und Großväter schon dort 
faßen und Notwendigkeiten des Hanfes au die Nutheueu, verkniffenen religiöfeu 
Sestchteru mit wilden Huten, verkauften. 
2ch fah einen der Bet- und Leruräume, den die frommsten Suden ?n be 
nutzen pflegen. Lin kleiner, dunkler Saal» an den Leiten Regale mit alten 
Büchern, darunter Tische. Daran stehen alte und junge Svden und hämmern 
die Körper auf nvd nieder. Das Murmeln des einen mit feidenem Kaftan and 
feltfam flachem pelzumkräuzten Hut wird übertönt vom Anrufen fÄves weiß 
bärtigen Nebenmannes, das wiederum abgelöst wird von dem Singen eines 
anderen vorn zwischen zwei Lichtern vor mner heUigev Decke. Seder hält uu- 
bekümmert und ohne Scheu vor dem anderen Zwiegespräch mit Sott. Die 
Rücken arbeiten, als ob fie fich in Sha einwühlen wollten. Am Eingang ist 
ein reges Gehen und Größen. Sie sprechen von Geschäften und vom Krieg. 
Müder laufen Mischen ihnen durch. Mau ist hier bei stch zu Haufe. Sie 
stehen vertraut mit Gott. Sie tun nichts Besonderes, feiertägliches, wenn ste 
in fein Haus gehen. Auch auf ihrem täglichen Leben lastet die Schwere Gottes. 
Andere Völker gehen einmal in der Woche, um Gott nahe zu fein, in die 
Kirche. Die wird hinter ihnen abgeschlossen und erst nach einer Woche wieder 
geöffnet zwecks neuer Erbauung. Die Suden haben die westläudifche Trennung: 
„Hier Sott und fein Haus, hier das Leben" nicht mitgemacht. Die Sguagoge 
ist ihnen nur Anlaß zur Gemeinsamkeit. Leben und Gott sind ihnen eins, und 
weil die Vorfahren feine Mittler stud, verquicken stch die Lebeusbräuche der 
Ahnen mit den Geboten Gottes zur unverletzlichen Heiligkeit. 
Aber der frifeur in der Hauptstraße, der in Wien in die Schule ge 
gangen ist» zieht die Augen überlegen hoch über die Kaftane und Paijes feiner 
Volksgenossen. Er hat den Laden seines Vaters ausbauen lasten mit gützeruden 
Schaufenstern und einem Schild: Eoiffeur und Ehamponeur. Sein Geschäft ge 
nügt den neuesten hggieuischen Anforderungen» und in der Unterhaltung mit 
jedem fremden ist er bestrebt, den Anschein zu verhüten, daß er vielleicht geringer 
dastehe als jener. Wo die Hggieue ins Land kommt, wäscht ste auch die Überzeugt 
heit mit ab. Sie macht den Glauben an ein „über der Welt" unnötig. Die Hggieue 
entfernt von den Suden mit dem Schmutz auch ihre Uubediugtheit. Die aber» 
gleichgültig» welches Objekt zu ihr gehört» ist hundertfach wertvoller als die Bieg 
samkeit und Gelenkigkeit, die für nichts in der Welt zu sterben weiß. Die 
Suden des Westens aber fochten als Ersatz für das verlorengegangene llber- 
weltliche die äußere Macht, das „Ansehen" auf dieser Welt. Die Suden des 
Ostens stud irgendwie echter. 
Zuweilen hielt mich auf der Straße mu vielleicht dreizehnjähriger Knabe 
mit ruhelosen Augen und schnell geknifftem Hütchen au. Ob ich Hiudeuburg 
kennte. Daun sollte ich ihn schön grüßen von Soseph von Saroslau, und Hindeu- 
burg brauchte nur das Geld zu schicken, daun würde er sofort die bestellten zehn 
tausend Zeitungen geliefert erhalten. Der Suuge war im Ort als fchwachstnuig be 
kannt.
	        

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