Full text: 1914-1916 (1914-1916)

3$ mußte auf einem kleinen Bretterwagen über Land fahren. Der 
Wagen fuhr um einen Berg herum laugfam aufwärts, bis fchließlich die Land 
straße hinter einer Biegung fehr plötzlich in ein breites Hauptstraßeustöck eines 
Ortes mundete, der stch den fchmaleu Kamm entlang über den Wiesen der 
Ebene hinzog. Die Gegend war blau und schwarz, von der Zarbe der Häuser 
und der Kaftane und Bärte. Die Häuser waren schief. Keius hatte Zeuster. 
Die Rahmen waren mit herausgebrochen. Die Euren fehlten fast überall. Die 
herabgelassenen Wellblechrouleaus vor den Läden waren zerhackt und hochgebogen. 
Der Aachmittag machte alles unverschämt deutlich wie ans dem Theater. Der 
ganze Ort war im Querschnitt geöffnet, wie in einem Auatomieatlas. Das 
arme Leben der Häuser lag durch das Zehleu der Zeuster ausgebreitet auf der 
Straße. Die Suden waren gerade zurückgekehrt und machten die Läden auf. 
Einige Zamilien begannen ergeben wieder einzuziehen. Die jungen Söhne mit 
hellen, traurigen Gestchteru schleppten Hausrat. Sn den Häuserlöcheru, die sich 
nach innen viereckig verbreiterten, saßen kleine Kinder nebeneinander provi 
sorisch auf dem Boden» die Züßcheu gespreizt. Es hatte den Anschein, als ob 
sie im Zreieu saßen. Die Ereppen hinauf steigen schwer die Zamilieuväter. 
Langsam herauf und herunter. Alan kaun sie überall hin genau verfolgen. 
Bor den Geschäften standen die zerrauften und geflickten Suden in eifrigem 
Gespräch, doch mit der Ruhe, die sich au vieles gewöhnt hat. Der Abend kam kalt 
in die Öffnungen ihrer Häuser. 
Das Ganze sah aus, als handele es sich um einen jener groben Biernlke über 
Rächt, wie ste stch eine frühere rohe Zeit mit den hilflosen Suden erlaubte, um 
sie lächerlich zu machen. 
Am Ende des Hiigelkammes schoß die Dorfstraße wieder als Ehaustee 
hinab zwischen die Zelder. Ein polnischer langhaariger Wallfahrer im Russeu- 
hemd hatte stch auf meinen Wagen gesetzt. Aus dem buckligen grotesken Ort 
lief mir lauge Zeit einer nach, der auch noch mitfahren wollte. Sch ließ auf 
die Pferde einhaueu. 
das Poluifche steht zum Deutschen wie der Türhüter zum Portier. Die 
polnischen Mädchen stud schneller bei der Hand, Wünsche zu erfüllen. Kinder 
spielen dort mit Beilen, und wenn Suugeus stch prügeln, müßen Arzte die 
Kopfwunden verbinden. Die Laudweiber heben die Röcke und waten durch die 
Zlüste, statt eine anständige Brücke bauen zu lasten, und au den Klosetts fehlen 
die Türen. 
Me Suden bedürfen ihrer Zrömmigkeit. 2e unhaltbarer ihr Erbenlos 
wurde, desto uotgetriebeuer griffen ste nach dem festen Gesträuge ihrer Dogmen. 
Die ewige Drangsalierung, ihr ungestchertes Leben: diese ständigen Aufrühre und 
Untergrabungen zwangen ste, ihr Sein so fest zu umrahmen» es metallen — 
wie Blei das Zeufierglas — zu umgießen, auf daß ste Ruhe und Halt fänden. 
Rur hier, wo nicht so viel warum und warum nicht gefragt wird, konnten 
die Suden ihren Stil bewahren.
	        

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