Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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Glossen und Kritiken 
Rens Schickele, Haas ! m 
Schuakeuloch. Schauspiel 
iu vierAufrügen. SuHeftI 
der weißen Blätter. 
1. Aus dem Brief einer Zrau: „Das ist 
schon etwas gao; Lutruckeudes! Und tut 
mir wohl wie Moselwein oder ein 
heller Frühlingstag. Bis dahin, muß 
ich sagen, war mir das Elsaß ziemlich 
gleich: Ein schönes Land gewiß, aber 
ich wußte nichts von den Leuten. 
Lieuhard? Das konnte nicht sehr ver 
locken. Also lag's mir nicht am Herren. 
Aber hier kriegt ich eine richtige Zärt- 
Uchkeit und sage: Gott sei Dank, daß 
wir sie unter uns haben als einen neuen 
Eropfeu im Blut. Hoffentlich, daß sie 
mit ihren hellen Herzen und chrem 
Sichgehenlasseu uns etwas iu Gärung 
und Wandlung bringen. Alle werden 
sie ja doch wohl nicht wie der Hans 
zu den Franzosen sterben gehen. 2edeu- 
falls hat Schickste es nicht getan. Das 
ist schon viel. Denn wenn mir je ein 
Mensch sgmpathisch war, ist er's. 
Auch alles, was er am Schlüsse der 
„weißen Blätter" sagt, tut meinem 
Herren wohl und wohlest: von seiner 
feinen und gerechten Abfertigung des 
Zlake-Anffatzes au bis ;u dem rnver- 
stchtlicheu Schluß. Er erinnert mich ein 
bißchen au Schnitzler, was den Geist 
und die Anmut angeht, aber er ist 
reiner und tätiger und frömmer. 
Rur über eins bin ich ihm böse. Daß 
die Klär den armen Haus rum Schlüße 
fahren läßt. Entweder ist das nicht 
richtig, oder ich bin keine rechte Frau. 
Wo's ihm so hundsmiserabel geht, da 
soll ste daran denken, daß er ste verrät 
und verläßt? Ausgeschlossen! Viel 
leicht ist's nur Parteilichkeit bei 
Schickste, just weil ihm der Hans so 
am Herren Legt, daß er's ihm 
noch schlimmer macht als eigeutllch 
nötig wär." 
2. Was mir danach noch ;u sagen 
bleibt: Richt viel. Rur: Daß dies 
„unmoralische" und „uupatriotische" 
Stuck, iu dem der Held am Ende des 
rweiteu Aktes seiner Frau durch- und 
am Ende des vierten Aktes ru den 
Franzosen übergeht» daß dieses tra 
gische Spiel, das mit Mord und Tot- 
schlag endet, Mischen Kanonen und 
brennenden Häusern, daß dieses 
Stuck trotzdem von einer fast kindlichen 
Reinheit ist, die wirklich wie ein 
„Frühlingstag" erregt, bewegt und 
heiter macht. 
Am Schlüsse gehl alles iu die Bruche, 
das Haus, die Ehe, die Freundschaften; 
die Bruder trennen stch — und aus 
den Trümmern dieses Lebens steigt, 
stärker als aller Schmer;» eine Hoff 
nung und mehr als Hoffnung Zuver- 
stcht. 
Mehr als ein Schau- und Trauer- 
Spiel, das die Vergangenheit beklagt 
und schildert, ist dieses Stuck die 
Ouvertüre einer verlockenden, einer 
höchst erstrebenswerten Zukunft, einer 
Zukunft, um die wir kämpfen muffen 
und wollen. 
So erreicht dieses Stuck» ohne sicht 
bare Tendeur» ohne 2rovie und Spott, 
ohne Berbitternug und ohne Über 
treibung aller Schatten (denn alle 
handelnden Personen, ja beinahe die 
handelnden Rationen» sind von stch aus 
so sehr im Recht, daß auch der Zu 
schauer jeder eiurelueu recht gibt) so 
erreicht dieses Stuck doch jene Wir 
kung» die das wichtigste Ziel aller 
Kunst — sein sollte (soweit immer
	        

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