Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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«in Zug herabkam: voran ging eia Chorknabe, der aufrecht wie ein Aren; einen 
Deckel trug; es war der Deckel zu einem Sarg» und der Sarg» in dem der Tote 
ruhte, war offen. » 
Alte und junge Gesichter lagen jo da, mit einem Taschentuch unter dem 
Munde, aber sie alle waren gelb, von der Zarbe des verwesenden Todes. 
Line fürchterliche Sitte war ans vergangenen Jahrhunderten übriggeblieben, 
aber ich entzog mich nie dem Anblick. Man zitterte, aber man ergab sich und 
wurde der Erkenntnis teilhaftig. Ans Ekel entsprang das Bewußtsein des Lebens, 
ans Trauer die Härte. 
So war es recht, so erhielt man ein starkes Sgmbol: die Toten» die durch dir 
geschmückten Zranen und die begehrenden Männer getragen wurden; die 
Gestorbenen, die eine letzte Warnung riefen, und die Lebenden» die darum chren 
Weg zu Vergnügungen» zu Lust» zu gegenseitiger Bosheit und zu Geschäften nicht 
abbrachen. Die große Niedrigkeit, die große Abhängigkeit, die große Menschlich 
keit. Mich lähmte die Trauer um Rudi, und mit jedem Tage wuchs doch der 
Hnnger nach der Iran. Wozu es leugnen, wozu es nicht erleben? 
Die Vorstellung von Liebesbegegnnng wurde für alle Zeiten in mir ver 
giftet» und ich erkannte doch, daß ste für alle Zeiten in mir nistete» wie ein Bestand 
teil des Blutes selbst. 2ch fühlte mich frei der Zrau gegenüber und sah ste mit den 
kalten Angen besten an, der ihr bißchen Körperlichkeit durchschaut, und ich fühlte 
doch alles» was an ste bindet und bewirkt, daß ste nicht unsere Sklavin, sondern 
unsere Gefährtin ist, Mensch wie wir. 
Das Leben zersetzte und machte widerspruchsvoll — was lag daran? Nimm 
es hin, erdulde es, schwanke und bleibe doch der, der triumphiert. 
Wenn Rudi wiedergekommen wäre, wäre ich nicht mehr derselbe gewesen. 
Zch hätte ste umfangen» und während ste vielleicht an meine volle Hingabe glaubte, 
hätte ich noch über den Angenblick hinaus um die Unaussprechlichkeit des Lebens 
gewußt. Auch du, Rudi» wärest nicht dieselbe geblieben, ohne deinen Tod hätten 
wir uns vielleicht in Qualen zerfleischt. 
Das ist grausam» und doch ist es ein großes Vertrauen, daß ich es dir 
Jage — wem sollte ich es sagen, wenn nicht dir, die nun wieder bei mir ist 
und neben mir geht? Otto Zlake
	        

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