Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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Sungdeutjchland 
^Aie könnten wir, Aufgeschreckte, nns den Smpressionen der Straße entziehn» die 
wir wild durchliefen» nm nns doch ;u festigen? Wenn an den Straßenseiten, die 
sich im Abend baden, die langen Zahnen herniederschwanken: riesig über nns jn 
einem nicht mehr sichtbaren Himmel aufgestellte Zalten dicken Luches» fast steinern 
gestemmt» da die Luft rnhtl 
3m strahlenden Mittag bot ein andres Bild die gewundene Straße: da 
rückte, Reihe an Reihe, gegürtet nud unter Mützen, in langem Zuge „Sung- 
deutfchland" ans, kleine Einzelne, gefchlosien die Straße füllend. Anders als die 
Soldaten gehn, die ruhig und fast mürrisch sind; Heller, heftiger, bewegter. 
„Snngdentschland" — was konnte klingender heißen als mit diesem ver 
pflichtenden Namen, was mehr Hoffnnng, Stolz, Gefaßtheit, Bereitschaft verheißenl 
Melleicht klänge „das junge Deutschland" schöner noch als das kindlich romanti 
sierende Wort — aber nörgeln wir nicht; da es das jnnge Deutschland ist. 
Oder sein mag. Gesammelt, zum Zuge geordnet das „junge Deutschland". 
Zwei Berheißnngen in einem „3ngeud" und „Deutschland". Sn welche Ecken ist 
nnn das alte versprengt, da entschlossen das junge anftritt? 
O wahrhaft große Zeit — da die Sagend erstand: da sie sich selbst gewann, 
chre Sagend, ihre Erziehung — Schande über das Alter! — in eigne Hände nahm, 
da sie erkannte, daß Erziehung Sngendwerk» Sugeudtat, Sugendpflicht ist, nur 
Selbst erziehung bedeutend (wie nur Selbstbefreiung), und jede andre — höchstens 
und bestens Unterricht! Dem jungen Deutschland gelang eine Überraschung für 
Sahrhnnderte: den höchst relativen und nur phgsischen Begriff „Sagend" absolut — 
und zu einer unentbehrlichen Lugend zu statuieren! 
Braucht Shr denn Zahnen, Shr Säuglinge und Knaben: Euer Herz schlägt 
doch, hinter die helle Stirn! Behaltet die Lrommeln zum Rufe Eurer Zreiheit — 
aber verkauft Luch und die Zreihmt ihnen nicht. Was braucht Shr Waffen, da 
Shr leidenschaftliche Hände habt! Eure Reinheit ist außer Frage; belastet Luch, 
verdrängt keine Antwort heischende Not — und gelobt Euch dem Geist! 
Als wir an der Bordschwelle standen und diesen Zug erwachsender Knaben — 
uns war, als wüchsen sie unter unsern Blicken — durch diese klare Straße 
vorüberließen» anfgestreckt ging jeder und alle zusammeugeordnet, die „Hoffnnng" 
mit Bewußtsein überbietend: 
da fuhr es uns heiß ins Herz: wenn diese (unter uns ständen, dieses junge 
Deutschland! Wenn ans oft mißbranchter Phrase wieder ein jüngstes Deutschland 
erstünde! Wir wollten unter Luch stürzen, wie Shr da gingt; nicht als Führer 
vor Euch — eine begeisterte Phalanx, ans der empor wir für Ench, zu Euch 
sängen! Die Arme verkettet» die Hände um Eure Racken, Eure Hüften geworfen, 
einzige große Blüte eines Bolks» voranstürmend — 
Wir lächelten nicht. Wir träumten, We Bataillone des Geistes marschieren 
zu hören. Rudolf Leonhard
	        

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