Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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stack abgestimmt" heißt der Zachaus 
druck. „Eingeebnet" wäre bester. 
Deu Rest besorgt Herr Stern. Dieses 
Unglück kaun nicht einmal deu „Stil 
der Zeit". Wiener-Werkstätten-Deko- 
ratiou, weiter laugt es nicht bei ihm. 
2ch habe sa nichts gegen Dekorationen. 
Aber um so mehr gegen Wiener- 
Werkstätten. Nichts ist verlogener, 
unmenschlicher und uulebeudiger, nichts 
toter und erkünstelter als dies unselige, 
hochmütige „Kunstgewerbe", diese 
Sucht bester, vornehmer» „stilvoller" 
;u wohnen und ;n scheinen als mau 
ist (und ißt). Ödestes Kunstgewerbe, 
langstieligster Stil, das ist das Zei 
chen dieses Abends. Mau sehnt sich 
schließlich greuzeulos nach deu einfachen 
bunten Lappen und Brettern eines 
kleinsten Vereins- und Proviufthe- 
aters. Dahin gehört Mokiere! Unter 
Menschen! Nicht unter Snobs und 
Theaterdirektoreu, die gebildeter sind 
als ihre Dichter und von Molivre 
glauben, daß er tot ist, weil es so im 
Lexikon steht. 
Und es hätte so schön sein können! 
Zur die ELnues-Art, die ehrfurchts- 
los-komische, wäre Pallenberg sa wie 
geschaffen. Hätte er nur frech und 
froh eine seiner lauten tollen Ope- 
retteufiguren gemimt! Reinhardt 
aber setzt ihm einen Dämpfer 
auf: „Pschtschtscht! Meisterwerk der 
Weltliteratur!" Und der arme Palleu- 
berg wagt vor lauter Augst vud Ehr 
furcht kaum den Mund noch auftu- 
macheu, redet vielmehr in einer 
schönen Übersetzung daher, so gebildet 
wie nur möglich (bloß deu geheiligten 
Eext nicht ändern!). Anstatt ;n 
quatschen» was ihm grad ins Maul und 
in die Situation hineinpaßt. Hier war 
endlich eine Gelegenheit sich gehen ;u 
lasten. Er aber hat Augst, daß es 
ihm passiert, und kneift sich angstvoll 
alles;u. 
Aber all das ist nicht seine» alles das 
ist Reinhardts Schuld. Er vermiest, 
verkuustgewerbelt nicht bloß tote und 
heilere Mchter, auch die leben 
digen guten Schauspieler, die in seine 
Hände fallen. Ein Dutzend Buhnen 
und einige Zirkuste hat er auf sein 
Niveau nivelliert, Generationen mit 
Kunstgewerbe durchseucht, gav;e Ge 
meinden unbrauchbar fürs Leben (und 
schädlich) gemacht. Soll er nun unge 
straft auch noch die paar übrig geblie 
benen Schauspieler verkitschen dürfen? 
(Sogar Wegeuers überlegene Intelli 
genz hat Mühe, sich zu behaupten.) 
Schon sind die harmlosesten Operetteu- 
komiker, die letzten fröhlichen Exzen- 
triks von feinem kunstgewerblich ver 
schnörkelten Atem bedroht. Sn wel 
chem Theater, Zirkus und Bariei« 
wird man am Ende sicher sein vor 
seinem Mahagouigetäfel, vor sÄoeu 
echten Kostümen und unechten Men 
schen, vor seinem ganzen ekelhaften 
Knust-Pharisäertum? 
Solange Kerr ihn kritisierte, solange 
hatte er noch eine gewiste Bedeutung. 
Er, der Aicht-KSnstler, stand dem 
Künstler (welch einem!) uufreiwilliger- 
weise Modell. Seit aber Kerr über 
ihn schweigt» haben seine Bühnen ihre 
letzte Berechtigung verloren. Nichts 
dämpft mehr deu Schaden, deu er an 
richtet. 
Kanu man ihm nicht deu Laden 
schließen? Als guter Kauf- und Ne- 
klamemauu (auf diesem Gebiet nud 
nur auf diesem liegen seine Erfolge 
und seine Leistungen) wird er das Geld 
(das ich ihm gönne) ja mit Gummi 
so gut wie mit Kunst verdienen. 
H. Siemseu 
Herausgeber: Otto Haas-Hege» ?. Z. im Selbe 
Verantwortlicher Schriftleiter: Hans Siemseu» Lichterfelde, Sternstrahe 25 
Zur unverlangte Einsendungen keine Gewähr 
Sn Österreich für die Redaktion verantwortlich Hugo Heller, Wien,!, Bauernmarkt Z 
Druck von ^ 6. ^ermann in Berlin
	        

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