Full text: 1914-1916 (1914-1916)

So sehe ich drei Religionen oder dreierlei Ethos unsere Zeit beherrschen: 
Heidentum, Lhristeutum, Sudeutum. 
Richt Rassen, Völker oder Rituale meine ich mit diesen Worten. Sondern 
drei tgpische Geisteshaltuugen der Menschheit, die anderswo, 
in Tibet oder auf dem nächsten bewohnten Stern, andere Aameu tragen mosten 
und au andere Träger geknüpft stud, — nach dem Staude unserer historischen 
Erfahrung jedoch mit Recht diese drei Bezeichnungen, charakterisiert nach ihren 
bedeutendsten Vertretern, fuhren. 
Drei ethische Sdeale? Ls ist doch nur eines möglich. Das Absolute 
als Ziel allen Daseins. — Richtig, aber das Ethos gibt nicht nur den Endpunkt» 
sondern bestimmt auch den Weg und unterwegs den Rang der materiellen Welt, 
der natura uaturata, es muß ferner den Einzelnen, das Individuum, in die Weg- 
richtung einstellen. Dadurch, daß ste also der materiellen Aatur und der Liuzel- 
seele ganz verschiedene Rollen auf dem Wege zu Gott zuweisen, unterscheiden 
stch die drei Religionen unserer Zeit. 
Das Heidentum heiligt, das heißt billigt die materielle Welt voll 
kommen und unumschränkt. Die heutigen Heiden haben zwar zumeist das 
Lhristeutum beibehalten, ihre Terminologie aber verrät schon (oft mit archai- 
fiereuder Aebeuteudeuz), daß ste auf den nngetanfteu Zustand ihrer Rationen 
zurückgreifen. Arier, Germanen» Gallier, Saulois, Hellenentum, der Antichrist 
Rietzfche und (mit Einschränkungen) der Olgmpier Goethe, der Egoist Stendhal 
und Stiruer, der Einzige, die Adelsmeuschen Sbsens (Rosmersholm), jede Philo 
sophie, welche die Ordnung des Diesseits ohne Liugriffsversuch anerkennt, 
Phgstokratie und Manchestertum, die liberale Devise vom Baissen faire, der 
orthodoxe Marxismus mit seiner „notwendigen" Evolution, die antike Polis 
und der „alte Preußeugeist", Monismus, biologische Betrachtungsweise, Lreitschkes 
Staatsgedauke und die Anbetung des „Historisch-Gewordeueu" — das alles stud 
ebeusoviele Lutfaltuugsformeu desselben heidnischen Sdeals, welches auf dem Wege 
der natürlichen, ungebrochenen Fortentwicklung der stchtbareu Welt die Verwirk 
lichung einer absoluten Gotteswelt anstrebt. Alle hier und fetzt stch durchsetzenden 
Triebe und Kräfte werden heiliggesprochen. Der Machttrieb des Einzelnen 
wie der kollektive Machttrieb des Staates. Und nur wo der üppig aufwucherude 
Trieb des Schädigeus die andern Lebeustriebe zu ersticken droht, wird im Suter 
este anderer Lebenskräfte und gefunden Wachstums gewaltsam und äußerlich 
das Böse zurückgedrängt. Eine innerlich grundverschiedene Ordnung der stcht 
bareu Welt jedoch wird nicht angestrebt. Richt etwa so ist das zu verstehen» daß 
über die stchtbare Welt hinaus keine zweite bestere unsichtbare gebildet wird. 
Auch das Heidentum hat Götter und Sdeale, aber ste stud nach dem Abbild des 
Srdischeu geformt. Vielleicht begreift stch hieraus das strenge Bibelverbot: 
Du sollst dir kein Abbild irdischer Dinge machen, um mich» Gott, darunter vor 
stellen zu wollen. — Die Tugend des Heidentums ist Herrenmoral, kriegerischer 
Sinn, Aristokratismus, Gesundheit, Kraft, Wagemut, Tüchtigkeit, seine Gemein 
schaft ist auf Herrschen und Dienen, Uber- und Unterordnung gegründet, das 
Sdeal der Gemeinschaft wird in der Gefolgschaft, das Sdeal des Einzelnen im 
Melden" oder auch auch im schrullenhaften „Eigeubrödler" gefunden.
	        
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