Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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unerheblichen Ausnahme«) eiue Karikatur oder gar Rogation des Judentums dar 
stellt, sondern das Ethos des Alten Testaments und des Talmud mit seiner 
unermeßlichen Aebeuüteratur unter meinem Terminus begriffen. — Dieses reine 
Judentum verweist den Menschen auf das Diesseits als seinen Arbeitsplatz zur 
Begründung des wahrhaften Gottesreiches. Doch diese Arbeit ist weder gerad 
linige Zortsetzuug der natürlichen Triebe wie im Heidentum, noch christliche Inver 
tierung der Triebe, sondern etwas ganz anderes, Neues, Drittes, — es ist die 
aus der stttlicheu § reih eit des Menschen entspringende Tat» welche sogar 
Gottes Allmacht restringiert; denn „alles liegt in der Hand Gottes, 
nur nicht die Gottesfurcht". Diese Arbeit geschieht zwar vom Ein 
zelnen, aber nicht nur im Einzelnen, sondern vornehmlich in der naturgegebenen 
und zu heiligenden Gemeinschaft. Das Gebet gehört nicht ins Kämmerlein, 
sondern nach tiefsinniger jüdischer Vorschrift bedarf es der Vereinigung mehrerer. 
Den abseits Betenden tötet der legendäre Prophet Elia des Talmud mit den 
Worten: „Als gebe es zwei Mächte, betest du da". Diese menschliche Bereinigung 
ist der tiefste Sinn des jüdischen Monotheismus, der» weit entfernt, eiue Mahlen- 
spielerei ;n sein, wie Lagarde wollte, das Sgmbol sittlicher Einheit in der realen 
Mannigfaltigkeit darbietet. — Unmittelbar aus ihm wächst das jüdische Ideal 
hervor, der „Prophet", der zugleich Seher und tätig Eingreifender, Priester und 
Politiker ist. 
Meine Damen und Herren. — Rehmen Sie zur Kenntnis, daß alles bisher 
Vorgebrachte ein sehr unvollkommenes Schema war. Richt nur daß es sehr 
uöauceureiche Übergänge zwischen den drei Religionen gibt, daß das Christentum 
sich mit dem Judentum in der schrankenlosen Wertschätzung des absoluten Geistes, 
mit dem Heidentum ln der egozentrischen Lagerung berührt, das Judentum wieder 
die Anerkennung des Diesseits und irdischer Verbände mit dem Heidentum gemein 
sam hat: es kommt auch für die Erkenntnis eines Dichters vor allem fein 
individuelles, oft unendlich kompliziertes Ethos in Betracht, welches nur sehr 
beiläufig als Anteilnahme an einer oder mehrerer dieser drei Welten und als 
Zusammensetzung dieser drei Anteile ausgedrückt werden kaun. Aber trotz dieses 
Bedenkens und aller» zum Teile ja auf der Hand liegenden Einwände scheint 
mir meine Art der Betrachtung wesentlich, ja für unsere Zeit notwendig zu sein, 
nicht etwa ein interessantes Experiment, mit dem ich Sie hier unterhalte, während 
mau draußen Kanonen abfeuert, sondern eine jener realen Erkenntnisse, deren wir 
bedürfen» heute und bis ans Ende der Tage, um, wie ich schon anfangs jagte, 
jenseits aller Bildung umgebildet, umgelagert, verwandelt, vermenschlicht zu werde«. 
Max Brod.
	        
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