Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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vatheit zur philosophischen Allgemeinheit, die Darstellung sozialer Zustände zur 
Kategorie des Werts. Aaturseligkeit als Reaktion gegen Nikolaiteutum: ste 
ist ihm keinen Schoß Pulver wert» wenn ste nicht zum Geist erhöht. 
Dieser „seutimentallsche" Dichter, dieser Philosoph haßt Zeit seines Lebens 
den „naiven" Künstler, den ruhenden, empfangenden, erlebenden. Er starrt 
nicht auf stch und kaun keine Lgrik schreiben. Er zielt und wirft Brände ans; 
die zünden. Empört stch gegen fürstlichen Zwang» jubelt den Geistesrebellen ans 
„Welfchlaud" zu und schreibt das ungeheuerste Revolutiousdrama der Welt 
literatur. Karl Moor brennt nicht nur, sondern ver—brennt; kein Zerstörer aus 
Spieltrieb und ohne Zwecke (wie die putzigen Bakuuisteu des Eafe Stephanie); 
sondern einer, der für die Freiheit des Menschengeschlechts kämpft» weil er dessen 
Rot am eigenen Leibe erfuhr. 
Sauger Schiller: er schreibt einen Zgklus von Dramen (von den Räubern 
bis zum Karlos), die das strahlendste Orchester politischen Aufstands stnd. Sie 
sind sehend, nicht büud; wissend, nicht dumpf. Sie stnd politisch, listig dem Feinde 
auflauernd, auf das reale Faktum bedacht. So wandelt stch die .Freiheit" ab 
in aufreizenden Sonderfälleu: soziale Frühst (Räuber); politisch-republikanische 
(Fresko); Freiheit der Liebe (Kabale und Liebe); Frecheit des Denkens (Karlos). 
Signale für stürmende SSugliuge. Heilige Fahne« des Geistes. 
Es gilt nicht ejakuliereuder Leidenschaft, sondern der Tat, zu der Leiden 
schaft nur das tüchtigste Mittel ist. Ls gilt Ächt der Erzeugung von Dramen 
und Tumulten» sondern der Befreiung der Erde vom Ungeist. Er gilt nicht 
der Kunst, sondern dem Leben. Was trennt den Räuber Moor von den Ber- 
brecheru der Stürmer und Dränger? Das Bewußtsein der Sendung; der Wille 
zur Besteruug der Welt» zur Rache au ihren Schändern. Und Posa» der durch 
Worte (durch Worte; hört es) alle irdische Macht so maßlos klein macht: er 
ist der Herzog der Literaten, verantwortlicher Ritter des Geistes. 
Sunger Schiller: sein Gestcht ist zerklüftet vom Wißen (zur ruhigen Schön 
heit des jungen Goethe fehlt ihm ein zureichender Grund). Er strebt in die 
Welt; so muß er von der Welt wißen, nicht nur von stch. Er dichtet, er formt 
die Wirklichkeit um: aus Tendenz, aus Zukunft. Er wertet, indem er darstellt; 
er fordert, indem er Tragödien vollzieht. Er macht das Theater zur moralischen 
Anstalt, zur politischen Tribüne. 
Die Zeit des jungen Schiller kommt; der seutimentalifche Mensch wird ge 
boren: Überwinder der Natur, Gläubiger der 2dee, Analgtiker und Wollender, 
Feind jeder Passtvttät. Es kann nicht mehr darauf ankommen, Gefühle zu 
haben (mögen auch Bürger vor ihnen schlottern) und Gestalter zu sein; es ist 
unwichtig, ein Genie zu f«n. Die Zufälligkeit des Rhgchmus sei verdrängt durch 
die Notwendigkeit des Ziels, durch Willen, der stählern und mit Mustk die 
Welt an stch reißt. Wir werden Wißeude sein» nicht naiv; wir werden verwirk 
liche«, nicht toben; wir werden Politiker, nicht Künstler sein. 
Schillers Dichten und Denken stnd Bormarsch in unsere Zukunft. Sener 
schwäbische Student, citoyen de la r6publique fran^aise, den wir haßen 
sollten, als man Impressionist war: wir werden ihn sehr lieben müßen . . . 
Rudolf Kazser
	        

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